Sunday, June 24, 2007

ISMAEL IVO: "ZUR PERSÖNLICHKEIT MIT AURA WIRD MAN NICHT, INDEM MAN EINER MODE NACHLÄUFT"

Ismael Ivo (Fotos: © Elfi Oberhuber) - eine Persönlichkeits-Mischung aus auratischer Spiritualität, und ...


DER BRASILIANISCHE TANZSTAR ISMAEL IVO - NACH CAROLYN CARLSON, FRÉDÉRIC FLAMAND UND KAROLE ARMITAGE LEITER DER TANZ-BIENNALE IN VENEDIG (2005 - 2007 mit Verlängerung bis 2008) UND MITBEGRÜNDER VON IMPULSTANZ WIEN - STACH 2006 ALS STÄRKSTE TÄNZERPERSÖNLICHKEIT DES WIENER TANZFESTIVALS HERVOR: DURCH DAS NUR MEHR SELTEN ZU SEHENDE PHÄNOMEN DER "AURA". WIE GELANGT ER ZWISCHEN LEBEN UND TOD ZU IHR, UND WAS HABEN GEFÜHLE UND SPIRITUELLE ENERGIE DAMIT ZU TUN? - DARÜBER, UND WIESO IN VENEDIG MEHR LEIDENSCHAFT ALS IN ÖSTERREICH ZU SEHEN IST, ERZÄHLT ER IM INTERVIEW. (e.o.)


Die Aura als Reise durch Leben und Tod

intimacy-art: Sie haben letztes Jahr bei impulstanz 2006 im Solo "Apocalypse" als auratische Tänzerpersönlichkeit den stärksten Eindruck hinterlassen. Was doppelt verwundert, da Sie privat so angreifbar, auf der Bühne aber so übersinnlich sind. Wie schaffen Sie das?
ISMAEL IVO: Die Wissenschaft hat die genetische Landkarte des Computers "Körper" zwar erörtert, sie weiß dennoch nicht, wie alles in ihm arbeitet. Er ist ein Wunder. Das beginnt beim Aufwachen, indem die Augen voller Wasser sind, damit wir sie öffnen und das Leben, den Sonnenschein sehen können, und steigert sich zu den Muskeln hin, so wie sie funktionieren. Und wenn du dich da oben auf der Bühne auch noch auf deine Empfindsamkeit und Gefühle konzentrierst, gelangst du in die Ebene, wo du auf ein Geheimnis stößt: Die Meditation des Fliegens. In einer Sekunde vom Himmel zur Hölle. Das ist für mich selbst unheimlich, ein Zauber. Und dem mußt du dich öffnen. Mit all deinen Visionen und Aktionen.
intimacy-art: Spüren Sie da eine Form von Ekstase, die es nur auf der Bühne gibt?
IVO: Es ist eine Einheit durch Verschmelzung verschiedenster Einflüsse des Lebens: wie du es siehst, wie du es lebst, wie du denkst. In einer Performance wie Apocalypse - die so präzise choreografiert ist, dass jeder Schritt, jede Position exakt stimmt -, mußt du dazu fähig sein, eine Zen-Konzentration einzunehmen, um prinzipiell jederzeit "explodieren" zu können. Die menschliche Kapazität diesbezüglich ist sehr groß. Eine mysteriöse Dimension von Energie, ein konzentrierter Augenblick der Macht. Das kommt von irgendwoher tief in mir und katapultiert mich in eine andere körperlich-geistig-emotionale Dimension. Das macht mir Angst, weil ich erfahre, wie groß das menschliche Sensorium ist.
intimacy-art:
Gibt es eine Wechselbeziehung zwischen der aufmerksam bescheidenen Alltagserscheinung und der übernatürlichen Bühnenpräsenz?
IVO:
Die Aura kann ich selbst an mir ja nicht sehen.
intimacy-art: Ja, denn auf Video sieht man sie nicht.
IVO: Woher sie kommt und wann sie das Momentum, die Luft ergreift, dafür habe ich keine Antwort. Ich glaube aber, dass sie von der Fähigkeit zur völligen Hingabe kommt. Ich kann Apocalypse nicht mit einem Fingerschnippen hinlegen. Man muß es mit einer bestimmten Intensität tanzen, um den Leuten die emotionale Idee dahinter zu vermitteln: "Ich sterbe jeden Tag, das ist es, warum ich lebe."
intimacy-art: Es geht um den Leben-Tod-Widerspruch. Das ist also der Grund.
IVO: Leben und Tod, ja. Wenn du realisierst, dass wir sterben werden, entscheidest du dich umso freudiger für das Leben.
intimacy-art: War dieses Stück also sehr speziell für Sie?
IVO: Absolut. Als ich dieses Stück probte, las ich außerdem gerade das Buch der Prophezeiungen von Nostradamus. Die ganze Idee wie sie auch Francis Bacon hat, "Sobald du geboren bist, beginnst du zu sterben", steckt darin. Und da ich auch einer der Leute bin, der Spuren, sprich Samen hinterlassen will, gerade weil das Leben so schnell vergeht, frage ich mich da oben auf der Bühnentreppe: "Warum stehe ich hier? Welchen Sinn hat mein ausgestellter Körper? Welchen Sinn Tanz überhaupt, worin der Körper in erster Linie Emotionen freilegt?", und komme darauf, dass das - als Sinn des Menschseins überhaupt - auszudrücken, das elementare Bedürfnis des Tanz-Künstlers sein muss.
intimacy-art: Bedingt das, zumindest als Nebeneffekt, Gott-ähnlich zu sein?
IVO: Nein, ich gelange als ein ins Licht blickender Suchender durch Schmerz zur Freude, durchlaufe also alle Gefühlsstadien bis zum Extrem. Werfe ich mich aufs Piano, stößt mich der Pianist mit seinem harten Tastengriff "taah, taah, taah" zurück. Oder ich sterbe, indem es mich zurück wirft, wieder und wieder. Ich kollabiere, kollabiere, kollabiere und leide. All diese positiven und negativen Gefühle zu erleben ist das Menschenhöchste, da wir komplex und gleichzeitig fragil sind. Und das bewirkt etwas sehr Starkes: diese Aura. Denn im Alltag hat mein Charakter nichts Göttliches. In meinem größtmöglichen Zerbrechlichkeitsmoment, dem ich mich ausliefere, liegt "meine Apocalypse", mein Zusammentreffen mit meinem Licht, meiner ureigenen Wahrheit.
intimacy-art: Interessanterweise scheinen aber nicht so sehr die gezeigten Gefühle des Ausdruckstanzes für die starke Wirkung verantwortlich zu sein, sondern wirklich das Selbstvertrauen zur Aura, zum "Größenwahn". Bewirken diese Wirkung also zu erreichende Gefühlsgrenzen oder doch eher Grenzen des Geistes?
IVO: Beides und darüberhinaus. Mein Wort dafür ist die Transgression: "über" die Grenzen zu gehen. Konkret durch die physischen Grenzen hindurch zu gehen, um die spirituelle Dimension zu erreichen. Denn dann erst befindest du dich im Abnormalen.

...und liebenswerter Angreifbarkeit. Im Tanz bevorzugt er das Gefälle vom Tod ins Leben.


Community-Zwang versus Persönlichkeit als Ausbildungsgeburt

intimacy-art: Woran liegt es, dass man solche "Lichter" nicht öfter im Tanz sieht? An der Ausbildung? Wird man dazu erzogen, lediglich als Teil der Community zu funktionieren, wofür man "kein Star", sondern bescheiden zu sein hat?
IVO: Ich hatte jedenfalls nie den Traum, "Oh, ich möchte ein Star werden, möchte dies und das erreichen!" Das war daher nicht mein Antrieb. Ich bin mir aber meines Glaubens an mich selbst bewußt, an meine Gefühle, an meine Ideen. Das allein wäre aber nicht genug. Ausschlaggebend ist die völlige physische und mentale Hingabe bezüglich dessen, was du machst.
intimacy-art: Aber wer ermutigte Sie, diesen Glauben, diese Aura aneignen zu müssen?
IVO: Niemand.
intimacy-art:
Dann müssen Sie von Haus aus sehr religiös sein.
IVO: Nach vielen verschiedenen religiösen Erfahrungen, vom afrikanisch-brasilianischen Woodoo bis zum Buddhismus - lauter Quellen des Versuchs, Gott zu finden -, glaube ich heute an die Energie und die Macht des Lebens, mit dem Körper als Instrument für ein Gebet. Das ist daher auch der Tanz für mich: rituell. Wir gehen auf die Bühne, um zu beten, das Leben zu feiern und unsere Dämonen zu trainieren.
intimacy-art: Wurde das während Ihrer Ausbildung im brasilianischen São Paulo und später bei Alvin Ailey in New York gefördert?
IVO: Die Lehrer lehrten mich sicher, mich nicht nur gut, sondern von innen heraus zu bewegen, mit meiner eigenen Energie. Daran zu glauben, was ich mache. Eine Lehrerin in São Paulo war da als Moment sehr wichtig für mich, die mich einmal mitten im Tanz mit der Klasse anhielt, wobei ich glaubte, ich mache das nicht schlecht: Sie schaute mir in die Augen und sagte: "Was machst du? Wie bewegst du dich? Von wo kommt das? Kannst du bitte mehr von dir selbst investieren? ... Komm heraus!" Ich erschrak und war wie eingefroren. - Gute Pädagogen verhelfen also zum Atmen und dazu, die Person auszudrücken, die man ist. Ich weiss aber nicht, warum nur ganz wenige Tänzer noch zusätzlich das gewisse Etwas verbinden können, sodass es dann zu dieser Magie kommt. Doch Kunst-an-sich führt zu einem anderen Ergebnis, wenn du nicht nur lernst, aufnimmst, sondern innerlich verarbeitest. Das ist sehr, sehr wichtig.
intimacy-art:
Halten Sie diese extreme Art von Community-Verhalten der Tänzer eher für Psychotherapie oder für Kunst?
IVO:
Als Teil der Company eines Bolschoi-Balletts ist das beim Schwanensee ...
intimacy-art:
Ich meine nicht die Ballett-Compagnien, sondern die zeitgenössische Szene: Die Zeitgenossen sind in meinen Augen fast noch Gemeinschafts-orientierter als die Balletttänzer, denn sie sind es "freiwillig" und nicht wegen der eins-zu-eins nachzutanzenden Klassik ... Es geht den Einzelnen innerhalb der Kunst also fast mehr um die Gemeinschaft als um Kunst...
IVO: Sie meinen das Feststecken in der Community. - Das kommt wahrscheinlich daher, weil die meisten nach einem Rezept gehen, indem sie folgen, was gerade "in" ist und verlassen, was "out" ist. Mit der Mode werden sie zur Community, die gerade sehr konzeptuell und intellektuell ist. Das ist aber noch keine Kunst. Um Teil der Community zu sein, heißt allerdings an sich noch nicht, die Individualität aufgeben zu müssen. Obwohl es geschieht. Der erstrebenswerte Unterschied wäre: zur eigenen Individualität, Persönlichkeit mit Gefühlen fähig zu sein und diese in die Gemeinschaft einzubringen, damit sie vielfältig und reich wird.

Ismael Ivo - ein Mensch, der im Sinne Dionysos "Genuss und Leidenschaft" lebt und tanzt.


Pina Bausch ging schwebend durch Psychologie, Theater & Tanz

intimacy-art: Sie vergeben im Rahmen der 5. Tanzbiennale von Venedig den Tanzpreis Goldener Löwe an Pina Bausch: hat sie für Sie beides in ihrer Ausdrucksweise: Psychotherapie und Kunst?
I
VO: Ja. Denn sie war als neugierige Frau innerhalb des Tanzes revolutionär, sodass wir heute Tanz anders sehen.
intimacy-art: Sie ist aber sehr verschieden von Ihrem Tanz-Stil und näher am Theater dran, nicht?
IVO: In alten Stücken wie Café Müller tanzen die Tänzer nicht durchgehend - und ich sah sie selbst in Brasilien einmal "gehend" auf der Bühne ... (macht eine gleitende Geste), was aber für mich als Tanz des Unsichtbaren, des Geistes, ein Schlüsselerlebnis war. Ich dachte mir, "die tanzen nicht, die schweben!", (flüstert langatmig:) "wwwhhoooo". Das mit mir zu verbinden, lag mir nahe, denn es war für mich wie Isabel Allendes Das Geisterhaus. Und in Südamerika haben wir die Kultur des Magischen Realismus, wie Garcia Marces. Wir sind also kulturell mit der Transgression verbunden.
intimacy-art:
Von da kommt das bei Ihnen also.
IVO: Ja, vielleicht auch. Besonders in der afrikanisch-brasilianischen Kultur ist die Kunst des Beherrscht-seins vom spirituellen Glauben sehr ausgeprägt. Schon als Kind besuchten wir mit der Familie afrikanisch-brasilianische Woodoo-Rituale, die zu beobachten für mich sehr interessant waren, als Form von spiritiueller Unterhaltung. Da begann ich zu verstehen, dass es eine andere Dimension gibt, die du erreichen kannst, wenn du es willst. Das, um die Energie, die Aura, die Kapazität von Kommunikation mit dem Unsichtbaren zu erreichen, was Tanz für mich ist: die Kunst des Abstrakten, des Unsichtbaren.
intimacy-art:
... weshalb sie auch so flüchtig ist, man sie irgendwann wieder vergißt, und kein Video diese Magie festhalten kann.
IVO:
Ja. Doch Pina Bausch entwickelt dazu noch Kritizismus, mit einer innneren Art, das auszudrücken.

Das erste Erlebnis mit Pina Bausch in Brasilien war für Ismael Ivo ...


Eine Biennale bekommt viel mehr Eros als Österreich

intimacy-art: Haben Sie starke Tänzerpersönlichkeiten mit Aura, von der Dimension wie Sie selbst es sind, im Biennale-Programm 2007?
IVO: Im Sinne der Transgression den japanischen Hardcore-Punk-Musiker Fuyuki Yamakawa, der sein Bassgitarre-Spiel mit dem Schlag seines Herzens verbindet, was als Tummtumm, Tummtumm, Tummtumm über die Soundbox ertönt. Ich kam auf ihn, weil er während seiner Aufführung - worin er erklärte, dass er eine Statistik darüber aufstellen könne, wie oft sein Herz bis zu seinem 80. Lebensjahr schlagen würde -, plötzlich - sämtliche Lampen zerbrechend - kollabierte. Er fiel zwischenzeitlich in Ohnmacht. Nach der Show fragte ich ihn: "Was ist da passiert?" Und er: "Vielleicht war es ja zu viel, aber es war eine unglaubliche Erfahrung!"
intimacy-art: Und das sollte er dann auf der Biennale wiederholen?
IVO: Den Kollaps nicht, nein. Aber ich forderte ihn auf, ein Stück darüber zu machen, inwieweit die Musik den Körper zu beeinflussen vermag. Der Titel seiner Show lautet Spontaneous Core.
intimacy-art: Das ist aber ein Musiker, kein Tänzer ...
IVO: Ja, weil es zu einem Tanzprogramm gehört, wie ein Musiker auf den Körper schaut, denn der Körper konfrontiert sich meist mit Musik im Tanz.
intimacy-art: Nun besteht das Programm überhaupt nur aus Gruppen aus Japan und Korea, Brasilien, Argentinien, Frankreich und Italien. Nur Grossbritannien und Irland fallen ein wenig aus der Reihe, vom Aspekt der "leidenschaftlichen Tanz-Länder" aus betrachtet. Warum sind diese in Österreich, zum Beispiel bei impulstanz, nie vertreten?
IVO (lacht): Weil ich mit der Biennale in Venedig nicht nur ein "Tanzfestival" veranstalte, sondern als künstlerische Themenauseinandersetzung Biennale des Körpers (Biennale del corpo) im Stil eines Triptychons, den Körper als Spiegel unserer Zeit präsentiere. Leute verschiedener Kulturen mit eigenen Visionen, Energien und Fantasien, und die noch immer nach anderen Dimensionen forschen, kreierten im ersten Jahr Werke zum Themen-Teil 1, Body Attack - Was drängt von Außen in unser Leben, in unsere Gesellschaft und bringt uns zur Bewegung? -, im Zweiten zu Under Skin - Was kommt von innen? Mit Körper-Wissenschaft und Religion -, und jetzt zu Body & Eros, was somit die Trilogie vervollständigt und zum Höhepunkt führt. Da frage ich also: "Was bewegt?" - Eros. Eros handelt von Dionysos, dem griechischen Gott der Fruchtbarkeit, dem Sinnlichen, Gefühlen, der Intuition, also von allem, das du nicht benennen kannst, wo du nur weißt: Es bewegt!
intimacy-art:
Haben Sie in diesen drei Jahren etwas gelernt, das Sie zuvor nicht wußten?
IVO: Ja, viel.
intimacy-art: Und wissen Sie schon mehr über das Geheimnis von Eros?
IVO: Nein, das Festival läuft ja erst. Eros hat für mich aber einen anderen Namen: Cupido.
intimacy-art: Die Begierde.
IVO: Und Liebe. Eros ist für mich also der Gott des Lebens, die Quelle des Lebens. Und das beinhaltet das Programm Körper & Eros. Als Feier des Menschlichsten, das wir haben: das Empfindungsvermögen.
intimacy-art:
Sie sind also in jeder Hinsicht noch empfänglich für die Liebe.
IVO: Absolut. Absolut.
intimacy-art: Und warum mögen Sie Chris Haring so gern? Er ist der einzige Österreicher im Venedig-Programm. Warum gerade er?
IVO:
Das war überhaupt das erste Mal, wo eine Kommission für einen Künstler aus Österreich eingelegt wurde. Ich konsultierte Karl Regensburger, der mich in meinem Eindruck bestätigte, dass Chris Haring als junger österreichischer Choreograf die Sensibilität für den Eros-Schwerpunkt aufbringen könnte. Bei den internationalen Choreografen mußte ich hingegen bei der Themenschilderung sofort einen Enthusiasmus in den Augen und im Gesicht erkennen, um sie einladen zu wollen. Einfach Programmplätze als Planer zu verteilen, das gibt es bei mir nicht ...









.... das Pendant zu Isabel Allende in seiner Heimat: als schwebender Tanz mit der Unheimlichkeit. Das verband er konsequenter Weise mit seinem Tanz.






FAZIT IN ISMAEL IVO ZEIGT SICH SELBST ALS VERANSTALTUNGSMACHER DER KÜNSTLER - DIE BIENNALE WIRD BEI IHM ZU "SEINEM" TRiPTYCHON, DAS IM AURATISCHEN EROS ENDET - ALS FEIER DES LEBENS. - WARUM SEHEN WIR SO ETWAS NICHT AUCH ÖFTER IN ÖSTERREICH? - UND WEIL IVOS PROGRAMM IN ITALIEN SO GUT ANKAM, ÜBERRASCHTE ER IM ANGEHÄNGTEN VIERTEN JAHR - UND WEITERE MÖGEN FOLGEN - UM DEN ZUSCHLAG ZUM THEMA "SCHÖNHEIT" MIT VIEL ZEITGENÖSSISCH-MODERNEM BALLETT !!!


Ismael Ivo gibt bei ImPulsTanz Wien (10.7.-10.8.2008) Workshops.

Biennale-Programm Schönheit (14.-29.6.2008) in Venedig, um einen neuen Horizont für Sensibilität, Sinn und Sinnlichkeit zu eröffnen:
* "Schönheit"-Eröffnungssymposium
*
David Michalek (USA): Langsames Tanzen: Videoinstallation
* Ballet National de Marseille (F): Metamorphosen
* Bonachela Dance Company (GB): Square Map of Q4
* Stephen Petronio Dance Company (USA): Beauty and the Brut / Bloom / This is the Story of a Girl in a World
* Balletto Civile (Italia): Creatura
* Choreographic Collision Part 2
* The Francesca Harper Project (USA): The Fragile Stone Theory 2K8 / Interactive Feast
* Ballet Preljocaj (F): Larmes Blanches / Eldorado (Sonntags-Abschied)
* Wayne McGregor - Random Dance (GB): Entity
* Letizia Renzini (I): La Bambola di Carne
* Susanne Linke (D): Schritte verfolgen II – Rekonstruktion
* Alonzo King’s LINES Ballet (USA): Irregular Pearl / Rasa
* Spellbound Dance Company (I): Don Giovanni – Il gioco di Narciso
* Pneuma Dance Theater (I): Chain of Feathers

NACHLESE:
Programm der 5. Internationalen zeitgenössischen Tanzbiennale in Venedig,
14.-30.6.2007 zum Thema Körper & Eros:
* Batik (Japan): Flowers flow, time congeals, Shoku
* Fuyuki Yamakawa (Japan): Spontaneous Core
* IPG (Independent Performance Group): The Erotic Body
* Kaiji Moriyama (Japan): The Velvet Suite
* Ismael Ivo (Brasilien/Deutschland): Mercato del corpo: vendita all’asta di danzatori e danze
* Nigel Charnock (Grossbritannien): Stupid Men
* Liquid Loft - Chris Haring (Österreich): The Art of Seduction - Posing Project B
* Laboratory Dance Project (Korea): Position of Body - Boulevard
* Francesco Ventriglia (Italien): Il mare in catene
* Simona Bucci (Italien): Arresi alla notte
* Rodrigo Pardo (Argentinien): Ognat, Tango Toilet
* Felix Ruckert (Deutschland): Messiah Game
* Motus (Italien) X (ics): racconti crudeli della giovinezza,Tese delle Vergini
* Phoenix Dance Theatre (Grossbrtiannien): Javier De Frutos Triple Bill (Paseillo - Los Picadores - Nopalitos)
* CoisCéim Dance Theatre (Irland): Knots
* Rodrigo Pardo e Cristina Cortes: Go-Tan-go
* Guy Delahaye (Frankreich): mostra fotografica


Auratische Tänzerpersönlichkeiten bei Impulstanz, Wien, 12.7.-12.8.2007:
* Benjamin Verdonck (Belgien) in Nine Finger von Alain Platel, Fumiyo Ikeda und Benjamin Verdonck, Ort: 17.+19.7.: Schauspielhaus
* Ivo Dimchev (Bulgarien) in Lili Handel, Ort: 25.7.: Kasino am Schwarzenberg-Platz
* Susanne Linke (Deutschland) in Schritte verfolgen - Rekonstruktion und Weitergabe 2007, Ort: 31.7.: Volkstheater
* Emio Greco (Italien) in Extra Dry (novelle version), Ort: 2.8.: Volkstheater
* Xuan Cheng (China) in Amjad von La La La Human Steps/Édouard Lock, Ort: 7.+9.8.: Burgtheater

Friday, May 11, 2007

DAVID POUNTNEY: "DASS SICH DAS PUBLIKUM NICHT ENTWICKELT, IST EINE FAULE AUSREDE"

Souveräner Hinterfrager: Intendant der Bregenzer Festspiele David Pountney
(Foto © Gai J
eger)


DIE NEUE DIREKTION DER WIENER STAATSOPER AB 2010/11 STEHT FEST. NACH IOAN HOLENDER WERDEN DER FRANZÖSISCHE MANAGER DOMINIQUE MEYER UND MUSIKDIREKTOR FRANZ WELSER-MÖST DAS HAUS AM RING LEITEN: VOR DER ENTSCHEIDUNG APPELLIERTE REGISSEUR UND INTENDANT DER BREGENZER FESTSPIELE DAVID POUNTNEY NOCH AUF DIE VERANTWORTUNG EINER SOLCHEN BESTELLUNG UND POSITION: ER ATTACKIERT FAULHEIT UND PLÄDIERT FÜR ERZIEHUNG VON KUNSTSCHAFFENDEN, JOURNALISTEN UND PUBLIKUM. SELBST WARTETE ER 2007 BEI DEN FESTSPIELEN MIT EINEM BRITTEN-SCHWERPUNKT UND MIT BRITEN-KUNSTQUALITÄT AUF. (e.o.)


Warum die Wiener Volksoper künstlerisch selten gut läuft

intimacy-art: Zu den Proben von "Der Kuhhandel" an der Wiener Volksoper, einer mit Rudolf Berger ausgehandelten Kooperation von 2004 - spürt man dort mit Robert Meyer als neuem Direktor schon den Umschwung?
DAVID POUNTNEY: Ich bin schon in Kontakt mit ihm bezüglich gemeinsamer Projekte. Und dass dort ein neues Regiment antritt, merkt man auch.
intimacy-art: Aber wahrscheinlich weniger, wenn man als Künstler dort werkt, oder?
POUNTNEY: Es ist zumindest gut zu wissen, dass ein Intendant nicht alles beeinflussen kann. Eine Institution wie diese funktioniert auch alleine weiter.
intimacy-art: Beziehen Sie das ebenso auf sich selbst als Intendant der Bregenzer Festspiele?
POUNTNEY (grinst)
intimacy-art: Aber vielleicht müssen Sie das ja gar nicht, weil Ihre Intendanz bereits verlängert wurde.
POUNTNEY: Bis 2013.
intimacy-art: Werden Sie die Erstaufführungsqualität dieses Stückes von Bregenz von vor drei Jahren in der Volksoper halten können?
POUNTNEY: Ich hoffe. Obwohl ein Repertoire-Theater eine ganz andere Ausgangslage darstellt, wo alle Künstler parallel in anderen Vorstellungen auftreten. Bei den Festspielen konzentrieren sich die Mitwirkenden auf ein Werk.
intimacy-art: Und da man weiss, dass es an der Volksoper nicht immer wirklich gut läuft - bis auf wenige Ausnahmen wie "Die Kluge" ...
POUNTNEY: Ja, Die Kluge war klug gemacht.
intimacy-art: ... oder schöne Inszenierungen wie "Sophie´s Choice" und "A Midsummer Night´s Dream" ...
POUNTNEY: Was aber nicht überrascht, denn Operetten bzw. Komödien wirklich gut werden zu lassen, ist wahnsinnig schwierig. Jeder Wagner ist bedeutend leichter zu inszenieren. Daran erkennt man erst den Fachmann am Regisseur.
intimacy-art: Beziehen sich die künftigen Kooperationen mit der Volksoper weiterhin auf Operetten?
POUNTNEY: Wenn man die Bezeichung unbedingt verwenden muss, dann ja.
intimacy-art: Ja, es wäre zu hoffen, dass es auch einmal in Richtung Musiktheater ginge.
POUNTNEY: Worin besteht bitte der Unterschied?
intimacy-art: Im Grunde gäbe es keinen, aber da viele namhaften Leute Operetten immer konservativ inszeniert sehen wollen, gibt es ihn halt schon: Dann ist "die" Operette eben die "klassische Operette".
POUNTNEY: Ach, das sind Worte.
intimacy-art: Aber bei den Bregenzer Festspielen sind sie innovativ bezüglich dieses Genres, da herrscht tatsächlich der Fortschrittsgedanke.
POUNTNEY: Darauf bauen wir, ja.

David Pountneys Sensationserfolg - sowohl in Bregenz, als auch an der Wiener Volksoper - mit seiner treffend grotesken Regie in Kurt Weills Der Kuhhandel. Hier wird gerade ein Zoom auf den widerständlerischen Dietmar Kerschbaum (Juan Santos) gezaubert (© Dimo Dimov / Volksoper Wien)


Warum die Wiener Staatsoper künstlerisch selten gut läuft

intimacy-art: Hat sich hinsichtlich Ihrer Festspielintendanz-Antrittsvision von der Vereinigung vom Spektakel mit künstlerischer Qualität inzwischen etwas getan?
POUNTNEY: In praktischem Sinn haben wir neben der Seeoper das KAZ-Programm (Kunst aus der Zeit) sehr verbreitert, d.h. mehr Stücke auch außerhalb der Festspielzeit gezeigt, - wie zuletzt die surreale Ayres-Oper The Cricket Recovers im März 07. Auf KAZ hat das Publikum insgesamt mit über 90 Prozent Auslastung reagiert. Was umso erfreulicher ist, da es mit Modernem für gewöhnlich nicht so einfach läuft.
intimacy-art: Besonders in Vorarlberg.
POUNTNEY: Ich weiss jetzt nicht, warum Sie das sagen. Ist es etwa in Wien leichter?
intimacy-art: Nein, in Wien wäre es im Gegensatz zu anderen Weltstädten auch schwer.
POUNTNEY: Roland Geyer meint, es gäbe gerade tausend Leute in Wien, die eine neue Oper ansehen.
intimacy-art: Ach, Sie sind auch mit Roland Geyer in Kontakt?
POUNTNEY: Das habe ich gelesen.
intimacy-art: Roland Geyer programmiert am Theater an der Wien aber dennoch Neues, anstatt es von vornherein tot zu reden.
POUNTNEY: Und doch sagt er das. Somit könnte man mit einer modernen Oper eigentlich nur eine Vorstellung ausverkaufen.
intimacy-art: Tja, wenn man die stagnierende Publikumsentwicklung wie in der Staatsoper einfach akzeptiert, verwundert es nicht, dass es so jemand dann doppelt schwer hat. Das wird zudem durch den Geschmacks- und Altersschnitt der Journalisten bei den Staatsoper-Pressekonferenzen als exaktes Pendant zum Publikum gespiegelt. Im Theater an der Wien sind auch ein paar Jüngere bzw. Innovativere darunter.
POUNTNEY: Wäre das wahr, müßte die Pressekonferenz der Staatsoper aus einem Drittel Japanern bestehen.
intimacy-art: Es sind dort zumindest überdurchschnittlich viele Japaner. Bei Peter Sellars kommen auch asiatische Journalisten. Aber eher wegen seines Faibles für asiatisches Tanz/theater. - Doch zurück zu Ihren Visionen ...
POUNTNEY: Ja, meine Vision hat sich entsprechend entwickelt und mit meiner Amtsverlängerung kann ich mit größerer Freiheit und Perspektive planen und etwas erschaffen. Eine Vision ist also kein herbeischwimmender Fisch im Wasser, sondern tatsächlich etwas Aufzubauendes.

Szene zwischen Elefant (Omar Ebrahim) und Wühlmaus (Allison Bell) aus der KAZ-Ayres Oper The Cricket Recovers, mit der Pountney seine Vision von einer provokativ-fortschrittlichen und qualitativen Opernauffassung im März erweitert umgesetzt hat (© andereart)

David Pountney als lässiger "Hausherr" der Bregenzer Festspiele (© Forster, IMG ARTISTS – EUROPE, UK)


Wie die Wiener Staatsoper künstlerisch laufen sollte

intimacy-art: Tangiert Sie die Diskussion um die Staatsoperndirektoren-Neubesetzung?
POUNTNEY: Natürlich. Die Wiener Staatsoper ist eines der wichtigsten Opernhäuser. Jeden Kulturineressierten sollte angehen, dass so ein Haus gut, interessant und damit verantwortungsvoll geleitet wird.
intimacy-art: Dass Sie sie leiten, würde sich wahrscheinlich parallel nicht ausgehen, oder?
POUNTNEY: Ich spreche nicht von mir. Aber ich halte es für entscheidend von der Regierung, keine diletantische Wahl zu treffen.
intimacy-art: Da höre ich heraus, dass Sie sich mehr Innovation und ein breiteres Publikum wünschen.
POUNTNEY: Nach zehn Jahren als Leiter der Nationaloper in London, weiss ich, dass für so eine Großstadtoper grundsätzlich zwei Maßstäbe gelten: Wieviel eine Wiener Staatsoper zum Kulturleben einer Stadt, hinsichtlich Aufregung, Innovation, Inspiration, Stimulation, beiträgt; Und auf welchem Niveau sich ihr durchschnittliches Programm befindet: d.h. wie der Standard an irgendeinem Arbeitstag ist. Dieses Standardniveau mit einem guten Team zu entwickeln, ist unglaubliche Knochenarbeit, nicht die Premieren und Starauftritte zu planen, wofür man allenfalls gute Ideen haben muss.
intimacy-art: Deshalb gehe ich auch gern in Durchschnittsvorstellungen, obwohl man Journalisten immer zu den Premieren einlädt, die dann in den Kritiken ein völlig verzerrtes Bild zu dem abgeben, was das Publikum gewöhnlich sieht. Sie auch?
POUNTNEY: Ich gehe ungern in solche Abende, weil sie in der Regel furchtbar sind. Nicht nur in der Wiener Staatsoper, sondern in jedem derartigen Haus. Meine eigenen Inszenierungen, die inzwischen zum Repertoire gehören, würde ich dort zum Beispiel nie wieder besuchen.
intimacy-art: Wirklich?
POUNTNEY: Mein Cavalleria rusticana / Pagliacci läuft zum Beispiel in Berlin seit Jahren in inzwischen völlig neuer Besetzung, wo vielleicht noch fünf Prozent meiner Inszenierung vorhanden sind. Es wäre ein Albtraum, das wieder zu sehen. Um da die Qualität zu halten, muß man die richtigen Profis engagieren, die das Innere einer Produktion am Leben zu erhalten vermögen. Darum geht´s.
intimacy-art: Sie würden sich dieses Durchschnittsniveau an der Staatsoper also höher wünschen?
POUNTNEY: Es wäre der Job des neuen Direktors, der dafür ein einerseits höchstqualifizierter, echter Fachmann mit brillanten Ideen, gutem Geschmack sein muss, und andererseits wissen muss, wie man so eine Riesenmaschine im Sinne des gut gebackenen täglichen Brots zu leiten hat.
intimacy-art: Würden Sie sich also dafür interessieren? - Jetzt kommt wahrscheinlich jemand anderer, aber vielleicht danach?
POUNTNEY: Dann bin ich dafür zu alt.
intimacy-art: Wieso? Bei Ioan Holender spielte das ja auch keine Rolle.

Bühnenbild der heurigen Uraufführung Tosca-Puccini-Seeoper von Johannes Leiacker unter der Regie von Philipp Himmelmann (Fotos: © Dietmar Mathis)


Hoffnung auf neue Erzählformen-Akzeptanz durch neue Publikumsschichten

intimacy-art: Sie inszenieren trotz Ihrer Intendanz weiterhin als international bekannter Regisseur an großen oder innovativen Häusern: an der Ruhrtriennale oder 2008 an der Wiener Staatsoper Verdis "La Forza del destino": Zur persönlichen Befriedigung oder aus Werbezwecken?
POUNTNEY: Beides. Die Praxis des Opernregisseurs ist für mich noch immer faszinierend und stimulierend. Und der enge Kontakt mit anderen Theatern, vielen Sängern, anderen Intendanten, dem internationalen Künstlerkreis, dient auch den Festspielen. Diese Kombination ist also sehr gesund.
intimacy-art: A propos Sänger - in der Wiener Staatsoper arbeiten Sie zum Beispiel mit dem Topstar Carlos Álvarez zusammen. Bei den Festspielen scheint die Inszenierungsform wichtiger zu sein. Begründen Sie das mit einer Qualität oder mit einer Entschuldigung?
POUNTNEY: Wir haben durchaus sehr bekannte Sänger: Nadja Michael wird heuer die Tosca singen, Zoran Todorowic den Maler. Die singen ständig in den Top-Häusern. Auf der Seebühne unter Freiluft zu singen, ist für einen Sänger natürlich eine Herausforderung. Dadurch, dass wir aber drei Besetzungen haben, umfaßt sie Top-Qualität bzw. "Namen", über "Stabile" bis zu Newcomern als Chance. Wichtig ist, dass alle in einem harmonischen Team arbeiten. Nicht wie in der Staatsoper, wo die Leute einfliegen, singen und Gage kassieren. Das ginge in Bregenz nie. Die Sänger müssen sich an die Akustik gewöhnen, daran, dass sie den Dirigenten nicht sehen, wie mit den ganzen Räumlichkeiten und Distanzen umzugehen ist. Die Leute müssen also bereit sein zu "arbeiten", zu proben, was manche Stars nicht wollen.
intimacy-art: Das Resultat ist auch herzlicher. - Aber noch mal zu den Inszenierungsformen: Ich bin als relativ junger, wobei noch nicht ewiger Opernfan, der Prototyp für den erhofften künftigen Publikumszuwachs: Als dieser interessiere ich mich vor allem für neue Formen und nicht für "Wiederholte" - wie der immer vorgehaltene, unbewegbare "Publikumsdurchschnitt" seitens Staatsoper sein soll. Ist das wirklich das Durchschnittspublikum?
POUNTNEY: Nein. Dieses Publikum ist eines, das in Wien Tradition hat, bzw. gezüchtet wurde und wird. Nach Bregenz kommt jedoch prinzipiell ein anderes Publikum: aus Deutschland, der Schweiz und auch Österreich, das nicht die Chance hat, vier- bis sechsmal im Jahr in die Oper zu gehen und zu vergleichen. Es kommt zu einem einmaligen Event.
intimacy-art: Und doch sind die Festspiele gerade wegen des alljährlichen Schwerpunkts mit Sonder- und Feinheiten auch fürs Fachpublikum interessant.
POUNTNEY: Ja, wahrscheinlich haben dennoch nur wenige Leute die Chance, wirklich das ganze Paket zu sehen. Ich vergleiche das mit der Identität eines Restaurants, das sozusagen ein ganzes Menü anbietet, selbst wenn nicht jeder Kunde ein Ganzes genießen kann.
intimacy-art: Glauben Sie aber, dass die künftige Opernbesucher-Generation generell sensibler gegenüber Inszenierungsformen sein wird, da die Jugend über den vielkonsumierten Film, der die herkömmlich tradierten Erzählformen durch Zeit- und Handlungssprünge revolutioniert, ganz anders wahrzunehmen gewohnt ist? - Oder siegt das evolutionäre Naturgesetz, dass der Mensch in seiner Neugierde irgendwann stehen bleibt und sagt: "Ich will das nur noch so sehen!"
POUNTNEY: Der einzige Sinn der Kunst liegt überhaupt im Verantwortungsbewußtsein des Künstlers, den Ist-Zustand infrage zu stellen. Deshalb braucht die Gesellschaft die Kunst. Sie steht für das Hinterfragen aller gegebener Fakten, indem sie ja auf Vorstellungskraft basiert, die wiederum auf Projektionen von Ideen beruht. Deshalb ist die "Sicherheit" in der Kunst unmöglich.
intimacy-art: Und langweilig.
POUNTNEY: Ja.
intimacy-art: Dennoch wird aber andauernd "Sicherheit" produziert. Also: Auf "Nummer sicher" gegangen.
POUNTNEY: Ja, aus reiner Faulheit. Das hat nichts mit Kunst zu tun.
intimacy-art: Dann ist es also immer nur eine Ausrede seitens verantwortlicher Direktoren und Intendanten, dass das Publikum das "so gewohnt" sehen wolle?
POUNTNEY: Eine faule Ausrede. Das Publikum obliegt wie in allen Bereichen - wie auch der Politik - der Verantwortung jener Person, die ein wichtiges Amt bekleidet. Als künstlerischer Leiter, Musikdirektor, Leiter der Wiener Staatsoper, Intendant der Bregenzer Festspiele mußt du das Publikum führen. Du bist nicht da, um den Rückschritt zu forcieren und alles einschlafen zu lassen.
intimacy-art: Nun haben Sie aber auf der Schneebühne in Lech ein alljährliches Event, wo die Sänger bei 20 Grad Minus singen müssen. Verhilft so etwas wirklich zur Sensibilisierung des Musik- und Kunstgeschmacks?
POUNTNEY: Lassen Sie uns nicht darüber philosophieren, inwiefern das Kunst ist. Das ist reines Marketing, denn wir müssen jedes Jahr 200.000 Karten verkaufen.
intimacy-art: Ist es speziell am Land wichtig, die Leute mit solchen Maßnahmen zur Kunst zu bewegen?
POUNTNEY: Als Festspiele brauchen wir diese reinen Aufmerksamkeitsaktionen. Um zu sagen, hierbei handelt es sich nicht um einen Tempel, wo man vorher das Eintrittswort kennen muss, um überhaupt eingelassen zu werden, sondern um die Möglichkeit, für jedermann Zugang zur Kunst zu finden. Und vielleicht entwickelt er sich dabei dann weiter.
intimacy-art: Leben Sie selbst das ganze Jahr in Vorarlberg, und gibt es einen Unterschied zum urbanen Leben?
POUNTNEY: Sicher gibt es einen Unterschied. Privat lebe ich in Frankreich, in tiefster Landschaft.
intimacy-art: Sie mögen also das Landleben wirklich.
POUNTNEY: Natürlich. Vorarlberg ist auch sehr schön.
intimacy-art: Sind Sie dort nur im Sommer?
POUNTNEY: Nein, immer wieder.
intimacy-art: Die meiste Zeit verbringen Sie also wo?
POUNTNEY: In Bregenz.
intimacy-art: Ihr innerer Heimatpol ist aber Frankreich?
POUNTNEY: Ja, denn dort ist mein Garten, und der ist mir das Wichtigste.

Das Auge steht in Tosca für den Fokus auf den Überwachungsstaat und die notorische Bindung gleich madonnenhaft-erstarrten Blicks: wenn das Gift der Eifersucht wirkt, bleibt die festgefügte Welt stehen und zerfällt vom Moment der religiösen Fantasien in ihre Bestandteile. - Gleich dem Sturz der Diva Tosca


Homosexualität als Motiv zum anderen (sensibleren) Kunstausdruck?

intimacy-art: Nun zum heurigen Benjamin-Britten-Schwerpunkt: Wodurch zeichnet sich denn überhaupt Brittens Musik aus?
POUNTNEY: Ich sage das nicht aus Patriotismus, aber er ist tatsächlich einer der wichtigsten Opernkomponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vor allem durch seine Erzählkraft. Das ist für mich im Grunde der Hauptimpuls, eine Oper zu machen, indem man eine Geschichte gerne durch Musik erzählen würde. Das versteht Britten ganz genau, in seinem erste Werk Paul Bunyan, und in Tod in Venedig, seinem letzten. Man spürt, wie instinktiv er grundsätzlich war: Ein Theaterkomponist, den nicht das akademische, intellektuell-musikalische Spiel antrieb. Und dieser Instinkt bleibt für mich überhaupt das wichtigste am Theater.
intimacy-art: Nun sind Sie ja auch Leos-Janacek-Spezialist. Und mich hat speziell Brittens "A Midsummer Night´s Dream" an Janaceks Lautmalerei in "Das schlaue Füchslein" erinnert. Gibt es auch für Sie eine Nähe?
POUNTNEY: Eigentlich nicht. Janacek ist meiner Meinung nach das größere Genie als Britten. Janacek komponiert mit seinem ganzen Herzblut, seinem Fleisch, seiner Leidenschaft.
intimacy-art: Ja, er hat auch privat irrsinnig gelitten, mit ewigem Liebeskummer.
POUNTNEY: Das war aber, glaube ich, nicht so wichtig dafür. Er konnte einfach seine Leidenschaft für das Leben unglaublich direkt als Musik ausdrücken. Britten kämpft dagegen mit einer sehr starken Repression. Teilweise wegen seiner Sexualität, aus der damaligen Schwierigkeit heraus, schwul zu sein, und seiner gleichzeitig - typisch englischen - Bestrebung, - also im Kampf gegen das Establishment - von dieser Gesellschaft respektiert zu werden. Seine ganze Musik, sein ganzes Theater schöpft aus dieser Repression.
intimacy-art: Das Thema des Schwul-seins kommt auch inhaltlich im "Tod in Venedig" vor, weil ja schon der Autor des zugrunde liegenden Romans, Thomas Mann, homosexuell war. Da nun prinzipiell zwischen Sexualität und kreativer Inspiration eine Beziehung besteht: Lässt sich denn ohne das Wissen um Brittens Homosexualität, ein Britten-Werk überhaupt verstehen, geschweige denn, inszenieren? - Damit spiele ich auf "Billy Budd" in der Staatsoper an, wo die Homosexualität unter den Matrosen deutlich wird.
POUNTNEY: Nein. Dieses andauernde Zurückführen auf das Privatleben eines kreativen Menschen, ist die blödste Methode von Dramaturgie-Besessenheit. Der Einfluß ist natürlich für den Komponisten oder Schriftsteller wichtig, so wie er mit eigenen Problemen kämpft, was erst die Kunst heraus treten lässt. Wir müssen aber nur verstehen, was da heraus kommt, nicht in den Mechanismus der Problematik zurück gehen. Denn das würde das Verständnis und somit die Wirkung des inszenierten Werks sehr begrenzen.
intimacy-art: Aber im "Tod in Venedig" verliebt sich ein Mann konkret in einen Knaben. Das ist ja nun wirklich ein klassisches Homosexuellen-Phänomen.
POUNTNEY: Man muss dennoch nicht wissen, dass Britten homosexuell war. Man erkennt ganz klar das Problem der Schaffensblockade, die der Künstler Aschenbach hat, durch die Parallele der fehlenden Möglichkeit, sich sexuell auszudrücken zu können bzw. Befriedigung zu finden.
intimacy-art: Intensiviert das der Knabe noch?
POUNTNEY: Nein, er inspiriert ihn. Das eins-zu-eins auf den Britten zu beziehen, beschränkt aber die Bedeutung. Wenn man einen Künstler interpretiert,sollten sich die Türen eher öffnen, sodass die Botschaft universell wird.
intimacy-art: Mir persönlich gibt es aber mehr, wenn ich weiss...
POUNTNEY: Nein.
intimacy-art: O.k., dann nicht.
POUNTNEY: Ich glaube nicht, nein, nein. Weil es dann nur biografisch ist. Und dann wäre es im Endeffekt trivial. Denn jeder einzelne Mensch ist ja nur ein banaler Mensch, mit seinem Frühstück, seinem Sex, seinen Gesundheitsproblemen.
intimacy-art: Ich kenne diese Interpretation von einem Kunstwerk, das erst zu einem großen wird, wenn man ganz viel hinein projizieren kann. Weshalb es dann ja auch auf viele Menschen wirkt.
POUNTNEY: Ein großes Kunstwerk muss ein eigenes Leben haben.
intimacy-art: Ich persönlich erlebe ein Werk aber intensiver, wenn ich es mit einem echten Problem eines echten Menschen benennen kann. Das Problem ohne Werk würde mich aber kaum interessieren.
POUNTNEY: Schostakowitsch ist da auch sehr interessant. Man kann viel zurückführen in seinen Werken hinsichtlich sowjetischer Unterdrückung. Besser ist es aber, wenn man es nicht weiss, da man dann einfach nur hört, wie die Musik ist, die dann alles bedeuten kann.
intimacy-art: Gut. Ein weiterer Komponist ist Michael Tippett, der wie Shakespeare und Lord Byron homosexuell war. Da es sich hier also um das Who is Who der britischen Kunstikonen handelt: Sind homosexuelle Künstler mit ihrer angeblichen Sensibilität tatsächlich fähiger zur Kunst?
POUNTNEY: Nein. Das ist ein absoluter Unsinn. Das sind einfach Menschen. Was wollen Sie damit sagen? Dass ein Heterosexueller weniger sensibel sei als einSchwuler?
intimacy-art: Ja. Bei den Männern würde ich das durchschnittlich verglichen schon sagen.
POUNTNEY: Wie können Sie diese sehr chauvinistische Behauptung rechtfertigen?
intimacy-art: Indem man viele heterosexuelle Männer kennen gelernt hat, die sich nicht für Kunst interessieren.
POUNTNEY: Viele Frauen aber auch.
intimacy-art: Na gut, bleiben wir aber bei den Männern.
POUNTNEY: Wieso?
intimacy-art: Weil sehr viel Lesben Künstlerinnen sind, die eher tough als sensibel sind.
POUNTNEY: Sie sind aber auch in der Kunstwelt, weil jene toleranter ist.
intimacy-art: Und weil Künstler auch selbst offener sind, solche Gefühle zuzulassen und mehr experimentieren zu wollen.

Die Hausoper, inszeniert von Yoshi Oida, stammt vom heurigen Schwerpunkt-Komponisten Benjamin Britten, wo das Homosexuellenthema in Autor Thomas Manns Tod in Venedig für die Künstlerblockade steht, die sich löst, nachdem sich Schriftsteller Aschenbach in "die Schönheit" eines Knaben verliebt (Plakat: © freude)


GB-Kunsttrend 1:
Böse-anarchische(s) Musik(theater)


intimacy-art: Wieso haben Sie die schöne Oper "A Midsummer Night´s Dream" von Britten eigentlich nicht als Oper ins Programm genommen, sondern als Theaterstück?
POUNTNEY: Mehr als zwei Britten-Opern können wir uns finanziell nicht leisten. Abgesehen davon, sagen Sie mir bitte nicht, dass Brittens Oper besser sei als Shakespeares Stück! Es ist sicher nicht die interessanteste Britten-Oper, sie ist höchstens charmant.
intimacy-art: Sind die musikalischen Strömungen aus Großbritannien im Programm insgesamt ein repräsentativer Querschnitt an momentan dort vorherrschender Qualität?
POUNTNEY: Ja. Es ist "ein" repräsentativer Querschnitt. Man kann nicht alle Möglichkeiten auf einmal zeigen. Es wäre natürlich interessant, eine große Oper von Birtwistle zu bringen. Das bleibt uns als finanzielle und künstlerische Herausforderung also noch zu erringen.
intimacy-art: Aber, was macht das Moderne aus?
POUNTNEY: Die ganz neue Oper The Shops von Edward Rushton etwa, die gerade erst komponiert wird und rasant-komisch von den düsteren Obsessionen eines Sammlerdiebs handelt.
intimacy-art: Und dann gibt es auch Minimal-Elektromusik, worin ja Ihr Sohn tätig ist. Wirkt er auch mit?
POUNTNEY: Er wird eine Techno-Clubnacht zum Tanzen unter dem Titel Culture Shock machen. Drum-and-Base-Musik, die er auf Computer komponiert hat.
intimacy-art: Hat er Komposition gelernt?
POUNTNEY: Nein, er ist Autodidakt und hat einfach damit angefangen.
intimacy-art: Wie alt ist er?
POUNTNEY: 24.
intimacy-art: Das ist auffällig, dass zwanzig- bis dreißigjährige Leute in ganz Europa jetzt immer öfter als Autodidakten entweder zufällig oder aus Protest selbst zu komponieren beginnen, weil ihnen das, was sie auf den Musikuniversitäten lernen müssen, nicht zusagt. Die polnische Jazzgruppe Contemporary Noise Quintet (im Gespräch auf intimacy-art.com / artists / talks / politics) hat ähnliche Musiker-Biografien. - Wie heißt Ihr Sohn?
POUNTNEY: James Pountney.

Das zweite Britten-Theaterwerk bei den Festspielen ist die Operette Paul Bunyan, worin die Animationsfilmer Gebrüder Quay das Bühnenbild verantworten und Nicolas Broadhurst Regie führt. - Immer mehr Themen und Künstler aus Film und Fernsehen trifft man mittlerweile in der Kunst an ... (Plakat: © freude)


GB-Kunsttrend 2: Künstlerischer Fernsehspot(t)

intimacy-art: Ein weiterer Trend ist über zwei Programme bzw. einen Komponisten die starke Konnotation mit dem Fernsehen: The Gob Squad kommt inhaltlich und formal mit einer Medien-Event-Satire, die "Paul-Bunyan"-Operette hat sie wegen der Animationsfilmer Gebrüder Quay als Bühnenbildner, und Michael Nyman im Konzert als Peter-Greenaway- Filmkomponist. - Gibt es in Grossbritannien eine positive Wechselwirkung zwischen Kunst und Fernsehen?
POUNTNEY: Das ist bis zu einem gewissen Grad dasselbe. Denn beides sind Medien. Wobei das Fernsehen natürlich meistens totalen Shit zeigt. Es könnte aber Kunst sein bzw. dazu werden. Ich halte allerdings auch die Entwicklung in der Bildenden Kunst für wirklich grausam. Sehr viel unglaublich schlechte Kunst ist einfach als schlecht gemachtes Video im Umlauf. Warum so etwas akzeptiert wird, verstehe ich überhaupt nicht.
intimacy-art: Was meinen Sie da genau, Musik-Videos im Fernsehen?
POUNTNEY: Diese Ramsch-Videos in Kunstgalerien. Probieren sollen sie bitte zuhause, zeigen können sie etwas Gelungenes. Für solchen Diletantismus habe ich keine Geduld.
intimacy-art: Zur konkreten Verbindung zwischen Oper und Fernsehen habe ich in der Wiener Kammeroper auch etwas sehr Schreckliches gesehen: Von Jonathan Dove, in Auftrag gegeben vom Kultursparten-Sender Channel 4, zu Prinzessin Dianas Tod. Gefällt Ihnen das?
POUNTNEY: Das Stück? Nein.
intimacy-art: Die Kammeroper hat es mit einer guten Oper von Peter Maxwell Davies kombiniert.
POUNTNEY: Eight Songs For A Mad King. Die ist toll, ja.
intimacy-art: Die die Regisseurin zusammen mit der ersten Oper in einem Riesen-Fernseher-Bühnenbild gezeigt hat. Bei all den britischen Fernseh-Querverweisen wollte ich jetzt einfach wissen, ob das britische Fernsehen generell besser ist als das österreichische?
POUNTNEY: Das kann ich kaum beantworten, weil ich fast nie fern sehe. Weder in Österreich, noch in Großbritannien. Aber Fernsehen ist ein Medium, über das man mit vielen Leuten kommunizieren kann. Deshalb sollten Künstler versuchen, dieses Medium zu nutzen. Wäre es gut gemacht, könnte es sehr viele Leute erreichen.
intimacy-art: Man sagt generell, die BBC wäre das beste öffentlich-rechtliche Fernsehen. In Österreich sinken indessen die Quoten immer mehr, sodass die Menschen stattdessen - ohne "Fernseh-Werbung" - immer lieber ins Theater oder in Kulturveranstaltungen gehen.
POUNTNEY: Diese Entwicklung gibt es auch in England.
intimacy-art: Und Sie nehmen sich als Starregisseur nun eines kleineren Fußballstar-aus-dem-Fernsehalltag-Projektes an: der KAZ-Oper von Benedict Mason "Playing Away", zusammen mit dem dank vieler Einflüsse frischen Kristjan Järvi als Dirigent. Wie kam es zu der Verbindung?
POUNTNEY: Über die Diskussion, mit wem wir diese sehr aufwändige Fußballoper produzieren könnten, sind wir im Kontakt mit St. Pölten auf die Tonkünstler und Järvi gekommen. Ich halte ihn auch für wunderbar.
intimacy-art: Haben Sie selbst eine Beziehung zum Fußball?
POUNTNEY: Nicht besonders, nein. Ich schau mir eher Cricket an. Früher habe ich das auch gespielt.
intimacy-art: Die zweite Zusammenarbeit läuft mit der Josefstadt: Handelt es sich dabei um eine ideale Ergänzung zum Festspielprogramm oder um einen Zwang, weil Festspielpräsident Günter Rhomberg auch im Aufsichtsrat der Josefstadt sitzt?
POUNTNEY: Nein, so banal sind wir nicht. Herbert Föttinger versucht die Josefstadt wieder auf einen interessanten Weg zu bringen, und da nicht nur zur Josefstadt, sondern auch zum Burgtheater, seitens Kornmarkttheater eine alte Kooperationstradtion besteht, finde ich es schön, das wieder aufleben zu lassen.
intimacy-art: Obwohl Sie den Kornmarkt doch für die Operette im Sommer positioniert hatten, und jetzt gibt es dort auch wieder Theater. Wird es also auch künftig dort beides geben?
POUNTNEY: Von "immer" würde ich nie reden.

The Opera Group (s. auch Fotos oben) ist die aufsehenerregende schrill-schräge Musiktheater-Formation, die in Grossbritannien momentan den Ton der Moderne angibt: Im brandneuen Werk The Shops von Edward Rushton, geht es um die Obsession eines Kunstsammler-Diebs. Hier: Opern-Videoausschnitte vergangener Produktionen wie etwa Wilhelm Buschs Die fromme Helene und Die Nase (© Chris Nash, u.a.)





FAZIT
DAVID POUNTNEY HAT DEN MIX AUS SPEKTAKEL UND OPERNEXKLUSIVITÄT VERFEINERT. 2007 SCHÖPFTE ER DAFÜR AUS SEINER BRITISCHEN HERKUNFT. 2008 WIRD ER MIT ERNST KRENEK EINEM ÖSTERREICHER UND DER ERSTEN ABENDFÜLLENDEN ZWÖLFTONOPER DER GESCHICHTE FRÖNEN. - JEDES JAHR EINE BESONDERE FREUDE, DIE BREGENZER FESTSPIELE.


Vor Festivalstart im Rahmen des Bregenzer Frühlings im KAZ-Programm:
* TANZ: Tosca Remix (Uraufführung) * Von und mit: compagnia toula limnaios * Tanz der Kompagnie des Berliner Shooting-Tanzstars Toula Limnaios im Tosca-(Hausvorstellungs)Bühnenbild * Musik: Komponist Ralf R. Ollertz-Remix der Aufnahme des Spiels auf dem See * Ort: Festspielhaus Bregenz * Zeit: 29.5.2008

Festspiel-Highlights 2008, 23.7.-23.8.:
* Tosca * Von: Giacomo Puccini* Regie: Philipp Himmelmann * Ort: Seebühne
* Karl V * Von: Ernst Krenek * Ort: Festspielhaus * Zeit: ab 24.7.2008 (Premiere)
* Eine Marathon-Familie * Uraufführung - Kooperation Neue Oper Wien / KAZ * Musik: Isidora Zebeljan (schrieb Filmmusik für Emir Kusturica!) * Regie : Nicola Raab * Dirigat: Walter Kobéra * Mit: Martin Winkler, Hubert Dragaschnig, etc. * Ort: Werkstattbühne * Zeit: 20., 22., 23.8.2008: 20h
* Orchesterkonzerte mit dem Wiener Symphonieorchester:
* Mit: Carlo Rizzi * Ort: Festspielhaus Bregenz * Zeit: 28.7.2008
* Mit: Chris Moulds * Ort: Festspielhaus Bregenz * Zeit: 17.8.2008
* Mit: Xian Zhang (Dirigentin!) * Ort: Festspielhaus Bregenz * Zeit: 4.8.2008
Orchesterkonzerte mit den Symphonieorchester Vorarlberg:
* Mit: Gérard Korsten * Ort: Festspielhaus Bregenz * Zeit: 10.8.2008


Nachlese:
Festspiel-Highlights 2007, 18.7.-19.8.:

* Tosca * Von: Giacomo Puccini* Regie: Philipp Himmelmann * Ort: Seebühne
* Tod in Venedig * Von: Benjamin Britten / Thomas Mann * Regie: Yoshi Oida * Ort: Festspielhaus
* Paul Bunyan * Von: Benjamin Britten / Erich Fried/W.H. Auden * Regie: Nicholas Broadhurst * Ort: Kornmarkttheater
* Britten-Schostakowitsch-Dünser-Konzerte * Mit: Wiener Symphoniker, Symphonieorchester Vorarlberg und des Bayrischen Rundfunks * Ort: Festspielhaus
* Ein Sommernachtstraum * Von: William Shakespeare * Mit: Thalia Theater Hamburg * Ort: Festspielhaus
* Made in Britain Vol.2 * Mit: Österreichisches Ensemble für Neue Musik * Werke von Harrison Birtwistle, Peter Maxwell Davies, u.a. * Ort: Werkstattbühne
* The Shops * Von: The Opera Group * Ort: Werkstattbühne
* Playing Away * Von: Bendedict Mason * Regie: David Pountney * Dirigent: Kristjan Järvi * Mit: Tonkünstler Orchester Niederösterreich * Ort: Werkstattbühne

Wednesday, March 21, 2007

AGNES HUSSLEIN-ARCO: "DEN SKANDAL MACHEN NUR DIE POLITIKER"


Voller Tatendrang: Neo-Belvedere-Direktorin Dr. Agnes Husslein-Arco (Foto © Werner Reichel, MdM Salzburg)


DIE ERSTE AUSSTELLUNG GARTENLUST DER NEUEN DIREKTORIN DES BELVEDERE, AGNES HUSSLEIN-ARCO, WURDE ERÖFFNET. TITEL UND STIMMUNG KLINGEN ZUMINDEST FRISCH UND ENERGETISCH. - DANEBEN KURATIERT SIE IN DER STAATSOPER FÜR DAS GANZE JAHR DEN AUSSTELLUNGSZYKLUS NOISE MIT ANGESAGTEN ZEITGENÖSSISCHEN KÜNSTLERINNEN ZWISCHEN 30 UND 40. - WIE ZEITGENÖSSISCH DIE HERBERT-BOECKL-ENKELIN TATSÄCHLICH IST, UND WIE SIE DEN MARKT AUFMISCHEN WILL, SAGT SIE HIER IM INTERVIEW. (e.o.)


"Lärm" für die Staatsoper

intimacy-art: Anfangs der Ausstellungsserie in der Wiener Staatsoper hieß es, die von Ihnen ausgewählten Künstlerinnen würden unbezahlt ein Thema zu einer laufenden Oper umzusetzen. - Dass das jetzt nicht so gekommen ist und die Künstlerinnen thematisch frei arbeiten können, freut also. Denn das wäre ihnen weder finanziell, noch künstlerisch gerecht geworden. - Wie paßt das vom Konzept her aber noch in dieses Opernambiente?
AGNES HUSSLEIN-ARCO: So ein tolles Haus wie die Oper muß anderes zulassen. Diese Plattform für diese innovativsten und hoch interessanten Künstlerinnen des 21. Jahrhunderts - sprich die Generation der 30- bis 40-jährigen -, ist diesbezüglich sehr spannend. Der Diskurs läuft über bildende und darstellende Kunst, wobei die Musik viel mehr verbunden ist. Und für die Künstlerinnen ist es außerdem eine tolle Chance, ein sehr großes Publikum zusätzlich anzusprechen, während Ioan Holender - sehr zufrieden - die positive Reaktion der Leute bemerkt. Selbst wenn jene eigentlich wegen der Oper hierher kommen, schaffen es die Künstlerinnen, dass die Besucher im - mit all den Gobelins sehr schwierig zu gestalteten Gustav-Mahler-Saal - hinschauen und über die interessanten Positionen nachdenken. Der Wunsch besteht daher, die Reihe weiter zu führen.
intimacy-art: Verglichen mit dem, was man hier bisher stehen und hängen sah, ist das vom künstlerischen Standpunkt aus tatsächlich ein Sprung.
HUSSLEIN-ARCO: Ja, ein Sprung, aber ein schwierig zu machender.
intimacy-art: Haben Sie die früheren Ausstellungen gesehen?
HUSSLEIN-ARCO: Ja, vor Jahren. Ich habe mir also sehr gut überlegt, wen ich ausstelle. Und wie gesagt: dieser Mahler-Saal ist an-sich, mit all den Lustern, ein in sich geschlossenes Kunstwerk mit ungemeiner Präsenz. Da muß eine Malerei bzw. ein/e Künstler/in schon sehr stark sein, um das unter Kontrolle zu halten und sich in eigener Position zu behaupten. Wobei das alle drei bisherigen Künstlerinnen auf andere Art schafften. Sodass ich mich dabei ertappe, mich mit Neugierde zu fragen, wie es wohl mit der Nächsten werden wird?
intimacy-art: Wir stellen also fest: die Themen sind frei, Materialkosten sind gedeckt. - Konnten die bisherigen Künstlerinnen aber auch etwas verkaufen?
HUSSLEIN-ARCO: Diese Künstlerinnen sind bereits alle international sehr und in Österreich bekannt. Sie brauchen also nichts zwecks "Verkaufes" zu machen. Sie haben ihre Händler und sind in sehr guten Galerien vertreten. Darum geht es hier also nicht wirklich.
intimacy-art: Haben Sie bei diesen Zeitgenossinnen zumindest das Gefühl, dass sie prinzipiell ein Gefühl für die Oper haben?
HUSSLEIN-ARCO: Teilweise. Die jetzige Künstlerin, Katrin Plavcak, hat eine besonders sensible, fast musi(kali)sche Darstellungsweise. Selbst viele Jahre Sängerin einer Indie-Popband, reagierte sie zwar nicht per se auf Jules Massenets Manon, hörte aber während des Malens dessen Musik. Sodass nun auch der Besucher in diesem Raum Musik hört, wenn man die Bilder betrachtet. - Wie musikalisch nun Esther Stocker bei Gaetano Donizettis La Fille du régiment sein wird, werden wir ab April erleben.
intimacy-art: Katrin Plavcak hat im Gespräch auch gesagt, dass sie die Geschichte der Manon kennt. Sie komme nur nicht "aufgesetzt" darin vor.
HUSSLEIN-ARCO: Im weiteren Sinn kann man alles miteinander verbinden. Das Schicksal der Manon, ein anderes Schicksal in Afrika ...
intimacy-art: Mit viel Phantasie, ja.
HUSSLEIN-ARCO: Mit Phantasie kann man immer einen Faden spinnen.
intimacy-art: Findet der Anspruch "Kunst ist frei" in diesem institutionellen Rahmen also statt?
HUSSLEIN-ARCO: Bezogen auf meine Künstlerinnen absolut, in der Oper ist es etwas anders. Dass mir Ioan Holdender völlig freie Hand gegeben hat, finde ich also ganz toll.

Katrin Plavcaks Werkserie zur Manon-Staatsoperninszenierung widmet sich in musikalischer Themenfreiheit Afrika, Insekten und Demokratie: narrativ, performativ, horrormäßig, politisch, visionär und gerechtigkeitsliebend. Inspiriert von der Schwester der Künstlerin, die in Mosambique Journalistin ist, hier: Immigrant 2002. Für die Bilder in der Staatsoper click: Noise/Plavcak/Oper Wien

Ein Skandal wird nicht geplant, der passiert

intimacy-art: Ihre Biografie zeigt, dass Sie eigentlich eine stark zeitgenössische Ader haben - Sie arbeiteten nach dem Studium in der Secession. Jetzt sind Sie als Belvedere-Direktorin eher für alte Kunst zuständig...
HUSSLEIN-ARCO: Ich habe mich immer mit zeitgenössischer Kunst beschäftigt, weil ich anhand meines Großvaters, Herbert Boeckl, erlebte, wie schwierig es für einen Künstler ist, den richtigen Ausstellungsort zu bekommen, den richtigen Händler, die richtigen Museen, also überhaupt sich in der Kunstgeschichte zu positionieren. Ich bin also beseelt und angetrieben vom Gedanken und Wunsch, zeitgenössische Künstler zu unterstützen. Das werde ich immer machen. Und auch zu einer Direktorin des Belvederes gehört es, Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst zu machen.
intimacy-art: Das 20-er-Haus für Gegenwartskunst wird ab 2008 unter Ihnen wieder eröffnet werden: Wissen Sie schon, wen und was dort zu zeigen? Kunst wie von Katrin Plavcak?
HUSSLEIN-ARCO: Durchaus. Junge, österreichische und internationale Kunst von 1945 bis heute. Es gibt aber schon im Belvedere Zeitgenössisches: ab 28. März die Belvedere-Intervention von Gudrun Kampl im Oberen Belvedere, wo sie Skulpturen des Hauses mit Texten "begeht". Dort soll ein Diskurs zwischen zeitgenössischer und alter Kunst stattfinden. Die alte Kunst muß mit dem Blick des 20. Jahrhunderts betreut werden.
intimacy-art: Noch nicht allzu lange, 2003, war der von Ihnen verantwortete Skandal mit Gelatin, jetzt Gelitin. - Planen Sie so einen Skandal auch als Belvedere-Direktorin?
HUSSLEIN-ARCO: Gelitin ist eine unheimlich interessante Künstlergruppe, was ich damals nur aus diesem Grund initiierte. Dass es dann zu einem Skandal wurde, lag nicht an mir oder den Künstlern, sondern an den Politikern, die es dazu machten. Ich plane solche Dinge nicht. Es passiert einfach. Ich habe in Salzburg immer wieder als Erste bisher unausgestellte, junge Künstler ausgestellt, weil ich sie einfach gut fand. Ich glaube also nach entsprechender Auseinandersetzung, beurteilen zu können, ob in einer Kunst Qualität liegt. Dazu werde ich dann auch stehen. Dabei kann und darf Kunst provozieren, weshalb vielleicht einmal dergleichen stattfinden wird. Nur wird es immer unbeabsichtigt, allein auf dem Kriterium "Qualität" beruhen.
intimacy-art: Gefällt Ihnen die Gelitin-Skulptur von damals noch?
HUSSLEIN-ARCO: Ja, natürlich. Das ist handwerklich eine ganz tolle Sache, die einen weiten Bogen spannt. Die Leute reduzieren das leider alles auf den erigierten Phallus, der aber nicht das zentrale Thema ist.
intimacy-art: Auch Markus Lüpertz Mozart-Figur hat als Haarschweif eine Phallusform.
HUSSLEIN-ARCO: Die ganze Kunstgeschichte besteht aus Phalli. Mann braucht sich nur den Marino Marini auf der Peggy Guggenheim-Terrasse anschauen. Es gibt so viele bedeutende Beispiele dafür. Solche Reduktionen sind also völlig lächerlich. Es wäre aber auch nicht zum Skandal geworden, wenn sich die Politiker nicht derart verhalten hätten.

Donizetti-Begleitausstellung im April 2007 von Esther Stocker (hier: Rauminstallation, 2004, Wandarbeit und Module mit schwarzem Klebeband, Installationsansicht AR/GE Kunst GalerieMuseum Bozen, Foto: © Martin Pardatscher) in der Staatsoper: wie sie den Gustav-Mahler-Saal wohl gestalten wird?

Von der Gehrer-Bestellten zur Schmied-Kooperatorin

intimacy-art: Womit wir bei der Politik wären: Sie sind doch selbst einmal zur ÖVP-Nationalratswahl angetreten...
HUSSLEIN-ARCO: Nein, nein, nein. Ich bin nie angetreten. Erhard Buseks Team hat mich nur einmal für ein Mandat nominiert. Das ist aber schon 15 Jahre her. Ich gehöre keiner politischen Partei an.
intimacy-art: Dennoch hat Sie die damalige ÖVP-Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer bestellt, die in der Kunstszene sehr umstritten ist. Glauben Sie, dass das auf die Zusammenarbeit mit der jetzigen Kunstministerin einen Schatten wirft, es für Sie schwierg werden könnte?
HUSSLEIN-ARCO: Elisabeth Gehrer war damals Bundesministerin. Mich hat eine extra eingesetzte Kommission, mit unter anderem internationalen Direktoren, einstimmig gewählt. Gehrer hat sich dem angeschlossen. Das hat nichts mit meiner Arbeit zu tun. Und wenn Ministerin Claudia Schmied eine so sachliche, zielorientierte Dame ist, wie ich es höre, wird wohl nur die Qualität durch gute Arbeit zählen. Alles andere steht nicht zur Diskussion.
intimacy-art: Es gibt einen verbindenden Punkt, worin Sie beide als sehr geschickt gelten: Im Sponsoring-Geschäft, das Sie beide forcieren wollen.
HUSSLEIN-ARCO: Sie kommt aus der Wirtschaft, wo ich im weiteren Sinn auch her komme, zumindest war ich lange dort tätig. Ich bin also auch ein wirtschafts- und erfolgsorientierter Mensch, dem es nur um die Sache geht. Und da müssen wir uns treffen.
intimacy-art: Aber es gibt doch sicher einen prinzipiellen Unterschied zwischen einem Menschen, der immer für Finanzen zuständig war, und jemandem wie Sie, der Kunst gelernt und immer für die Kunst gearbeitet hat.
HUSSLEIN-ARCO: Schon, aber sie soll eine große Sensibilität für Kunst haben, für die sie sich immer interessierte. In Amerika ist es selbstverständlich, dass Leute aus der Wirtschaft in die Kunst gehen und vice versa. Unserer Kunstszene wird es sicher sehr gut tun, wenn endlich auch Menschen aus anderen Bereichen eindringen und sie dadurch ein wenig aufmischen.
intimacy-art: Sie glauben also, dass Sie das doppelte Budget in der Höhe von neun Millionen Euro bekommen?
HUSSLEIN-ARCO: Ich brauche jedenfalls eine Aufstockung meines Budgets. Das liegt auf der Hand, wenn die Gehälter schon um über eine Million höher sind als die Grundbasis. Es ist im Gesetz vorgesehen, dass der Staat den Museumsbetrieb verantworten muss. Dann bin ich auch gerne bereit, Extra-Geld aufzutreiben. Für die Grundsicherung des Museums aber nicht.

Gartenlust lautet die Eröffnungsausstellung von Agnes Husslein-Arco unter ihrer neuen Direktion im Belvedere. Unter verschiedenen Garteninterpretationen, quer durch die Jahrhunderte: Claude Monets Weg in Monets Garten in Giverny, 1902, Belvedere Wien

Kein Abwerben, nur Herausforderung

intimacy-art: Sie haben nun vom geschicktesten Vermarkter der Szene, Klaus Albrecht Schröder von der Albertina, den Marketing-Stab abgeworben ...
HUSSLEIN-ARCO: Ich hab niemanden abgeworben, möchte ich bitte klar betonen. Das würde ich nie tun. Sondern die bei ihm fürs Marketing zuständige Dame hat sich bei mir beworben. Ich bin auch sehr glücklich über sie. Sie ist fantastisch und hilft mir sehr. So wie Ex-Albertina-Vizedirektor Alfred Weidinger als Chefkurator und Vizedirektor seit 1. März eine große Hilfe ist. Und die ehemalige Shopbetreuerin der Albertina, Katharina Schöller, auch.
intimacy-art: Es ist also niemand böse auf Sie, dass Sie die tollen Leute bekommen haben?
HUSSLEIN-ARCO: Ja, was soll ich machen? Reisende muß man ziehen lassen. Diese Leute haben es als Chance gesehen, ein altes Haus neu zu positionieren. Und ich habe mir lange überlegt, sie einzustellen. Warum hätte ich es aber nicht tun sollen?
intimacy-art: Offensichtlich zeugt es auch von Ihrem guten Ruf im menschlichen Umgang.
HUSSLEIN-ARCO: Sie wirken zumindest ganz glücklich, ja. Aber ich glaube, der Hauptfaktor war doch die Herausforderung der Aufgabe.
intimacy-art: Und was ist das Wichtigste, was Sie anders als Vorgänger Gerbert Frodl machen wollen?
HUSSLEIN-ARCO: Dass das Untere Belvedere ebenfalls geöffnet, die Orangerie neu bespielt wird, und die Kommunikation nach außen besser wird. Es wird viel mehr Marketing geben, Veranstaltungen, es wird alles jünger und frischer werden.
intimacy-art: Und sollen mehr Österreicher ins Belvedere kommen?
HUSSLEIN-ARCO: Das ist in die Maßnahmen einbezogen: 80 Prozent der Besucher sind derzeit Touristen, was sich zugunsten der Wiener und Österreicher zu einem Bewußtsein für "ihr" Belvedere ausgleichen soll. Es wird auch einladender. Vom Schwarzenbergplatz aus ist es ab jetzt zu Fuß leicht mit neuer Eingangssituation zu finden.
intimacy-art: Sie eröffnen mit der Ausstellung "Gartenlust" in der Orangerie. Gibt es da echte Blumen?
HUSSLEIN-ARCO: Nein, die haben Sie ja vor der Nase. Drinnen gibt es Bilder, vom Mittelalter bis heute. Der Garten ist ein Riesenthema in der Kunst, ganz verschieden interpretiert, im Mittelalter als Hortus Conclusus, die Barockgärten im Stil Belottos, im 19. Jahrhundert als englischer und offener Garten, von Impressionisten wie Monet, von Nolde, und vor der Türe, gibt es - ganz toll, wie gesagt - den original barocken Garten: den Kammergarten, der normalerweise fürs Publikum unbetretbar ist. Der wurde jetzt hergerichtet.

Museums-Interventionen sind momentan der große Renner. Zuletzt war Elke Krystufek im MAK, Gudrun Kampl wird es ab 28.3.07 im Belvedere sein. Hier: Installation 2007


FAZIT WURDE ZEIT, DASS EINE FRAU DIREKTORIN EINES WIENER MUSEUMS GEWORDEN IST. SIE ZEIGT AUCH GLEICH FEMININES GESPÜR FÜR GARTENFREUDEN. UND STÜRZT SICH OHNE VERLEGENHEIT IN DEN KONKURRENZKAMPF: MODERN, INTERNATIONAL-ÖSTERREICHISCH UND KOMMUNIKATIV SOLL´S SEIN. OB´S AUCH WIRD, WERDEN WIR SEHEN!

Jetzt im Belvedere:
* AUSSTELLUNG Phantastischer Realismus: Neben den Hauptwerken der fünf großen Meister - Arik Brauer, Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Wolfgang Hutter und Anton Lehmden - werden auch Vorgeschichte und Kontext dieser speziellen Strömung spätmoderner Kunst präsentiert. * Ort: Unteres Belvedere * Zeit: 20.5. bis 14.9.2008
* AUSTELLUNG Schenkungen an das Belvedere von Thaddaeus Ropac (Werke von: Julius Deutschbauer, Walter Obholzer, Gerwald Rockenschaub, Hubert Scheibl und Erwin Wurm) * Ort: Orangerie, Unteres Belvedere * Zeit: 30.5. bis 21.9.2008

Nachlese AUSSTELLUNGEN Noise / Staatsoper.
Von der Kunst der Malerei im Gustav Mahler Saal, Staatsoper Wien * Kuratiert von Agnes Husslein-Arco:
* Katrin Plavcak anläßlich der Premiere von Manon (Jules Massenet) bis 25.3.2007
* Esther Stocker anläßlich der Premiere von La Fille du régiment (Gaetano Donizetti); Vernissage: 1.4., 11h bis 17.5.2007
* Maja Vukoje anläßlich der Premiere von Boris Godunow (Modest P. Mussorgski); Vernissage: 23.5., 19h bis Ende Juni 2007