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Sunday, June 24, 2007

ISMAEL IVO: "ZUR PERSÖNLICHKEIT MIT AURA WIRD MAN NICHT, INDEM MAN EINER MODE NACHLÄUFT"

Ismael Ivo (Fotos: © Elfi Oberhuber) - eine Persönlichkeits-Mischung aus auratischer Spiritualität, und ...


DER BRASILIANISCHE TANZSTAR ISMAEL IVO - NACH CAROLYN CARLSON, FRÉDÉRIC FLAMAND UND KAROLE ARMITAGE LEITER DER TANZ-BIENNALE IN VENEDIG (2005 - 2007 mit Verlängerung bis 2008) UND MITBEGRÜNDER VON IMPULSTANZ WIEN - STACH 2006 ALS STÄRKSTE TÄNZERPERSÖNLICHKEIT DES WIENER TANZFESTIVALS HERVOR: DURCH DAS NUR MEHR SELTEN ZU SEHENDE PHÄNOMEN DER "AURA". WIE GELANGT ER ZWISCHEN LEBEN UND TOD ZU IHR, UND WAS HABEN GEFÜHLE UND SPIRITUELLE ENERGIE DAMIT ZU TUN? - DARÜBER, UND WIESO IN VENEDIG MEHR LEIDENSCHAFT ALS IN ÖSTERREICH ZU SEHEN IST, ERZÄHLT ER IM INTERVIEW. (e.o.)


Die Aura als Reise durch Leben und Tod

intimacy-art: Sie haben letztes Jahr bei impulstanz 2006 im Solo "Apocalypse" als auratische Tänzerpersönlichkeit den stärksten Eindruck hinterlassen. Was doppelt verwundert, da Sie privat so angreifbar, auf der Bühne aber so übersinnlich sind. Wie schaffen Sie das?
ISMAEL IVO: Die Wissenschaft hat die genetische Landkarte des Computers "Körper" zwar erörtert, sie weiß dennoch nicht, wie alles in ihm arbeitet. Er ist ein Wunder. Das beginnt beim Aufwachen, indem die Augen voller Wasser sind, damit wir sie öffnen und das Leben, den Sonnenschein sehen können, und steigert sich zu den Muskeln hin, so wie sie funktionieren. Und wenn du dich da oben auf der Bühne auch noch auf deine Empfindsamkeit und Gefühle konzentrierst, gelangst du in die Ebene, wo du auf ein Geheimnis stößt: Die Meditation des Fliegens. In einer Sekunde vom Himmel zur Hölle. Das ist für mich selbst unheimlich, ein Zauber. Und dem mußt du dich öffnen. Mit all deinen Visionen und Aktionen.
intimacy-art: Spüren Sie da eine Form von Ekstase, die es nur auf der Bühne gibt?
IVO: Es ist eine Einheit durch Verschmelzung verschiedenster Einflüsse des Lebens: wie du es siehst, wie du es lebst, wie du denkst. In einer Performance wie Apocalypse - die so präzise choreografiert ist, dass jeder Schritt, jede Position exakt stimmt -, mußt du dazu fähig sein, eine Zen-Konzentration einzunehmen, um prinzipiell jederzeit "explodieren" zu können. Die menschliche Kapazität diesbezüglich ist sehr groß. Eine mysteriöse Dimension von Energie, ein konzentrierter Augenblick der Macht. Das kommt von irgendwoher tief in mir und katapultiert mich in eine andere körperlich-geistig-emotionale Dimension. Das macht mir Angst, weil ich erfahre, wie groß das menschliche Sensorium ist.
intimacy-art:
Gibt es eine Wechselbeziehung zwischen der aufmerksam bescheidenen Alltagserscheinung und der übernatürlichen Bühnenpräsenz?
IVO:
Die Aura kann ich selbst an mir ja nicht sehen.
intimacy-art: Ja, denn auf Video sieht man sie nicht.
IVO: Woher sie kommt und wann sie das Momentum, die Luft ergreift, dafür habe ich keine Antwort. Ich glaube aber, dass sie von der Fähigkeit zur völligen Hingabe kommt. Ich kann Apocalypse nicht mit einem Fingerschnippen hinlegen. Man muß es mit einer bestimmten Intensität tanzen, um den Leuten die emotionale Idee dahinter zu vermitteln: "Ich sterbe jeden Tag, das ist es, warum ich lebe."
intimacy-art: Es geht um den Leben-Tod-Widerspruch. Das ist also der Grund.
IVO: Leben und Tod, ja. Wenn du realisierst, dass wir sterben werden, entscheidest du dich umso freudiger für das Leben.
intimacy-art: War dieses Stück also sehr speziell für Sie?
IVO: Absolut. Als ich dieses Stück probte, las ich außerdem gerade das Buch der Prophezeiungen von Nostradamus. Die ganze Idee wie sie auch Francis Bacon hat, "Sobald du geboren bist, beginnst du zu sterben", steckt darin. Und da ich auch einer der Leute bin, der Spuren, sprich Samen hinterlassen will, gerade weil das Leben so schnell vergeht, frage ich mich da oben auf der Bühnentreppe: "Warum stehe ich hier? Welchen Sinn hat mein ausgestellter Körper? Welchen Sinn Tanz überhaupt, worin der Körper in erster Linie Emotionen freilegt?", und komme darauf, dass das - als Sinn des Menschseins überhaupt - auszudrücken, das elementare Bedürfnis des Tanz-Künstlers sein muss.
intimacy-art: Bedingt das, zumindest als Nebeneffekt, Gott-ähnlich zu sein?
IVO: Nein, ich gelange als ein ins Licht blickender Suchender durch Schmerz zur Freude, durchlaufe also alle Gefühlsstadien bis zum Extrem. Werfe ich mich aufs Piano, stößt mich der Pianist mit seinem harten Tastengriff "taah, taah, taah" zurück. Oder ich sterbe, indem es mich zurück wirft, wieder und wieder. Ich kollabiere, kollabiere, kollabiere und leide. All diese positiven und negativen Gefühle zu erleben ist das Menschenhöchste, da wir komplex und gleichzeitig fragil sind. Und das bewirkt etwas sehr Starkes: diese Aura. Denn im Alltag hat mein Charakter nichts Göttliches. In meinem größtmöglichen Zerbrechlichkeitsmoment, dem ich mich ausliefere, liegt "meine Apocalypse", mein Zusammentreffen mit meinem Licht, meiner ureigenen Wahrheit.
intimacy-art: Interessanterweise scheinen aber nicht so sehr die gezeigten Gefühle des Ausdruckstanzes für die starke Wirkung verantwortlich zu sein, sondern wirklich das Selbstvertrauen zur Aura, zum "Größenwahn". Bewirken diese Wirkung also zu erreichende Gefühlsgrenzen oder doch eher Grenzen des Geistes?
IVO: Beides und darüberhinaus. Mein Wort dafür ist die Transgression: "über" die Grenzen zu gehen. Konkret durch die physischen Grenzen hindurch zu gehen, um die spirituelle Dimension zu erreichen. Denn dann erst befindest du dich im Abnormalen.

...und liebenswerter Angreifbarkeit. Im Tanz bevorzugt er das Gefälle vom Tod ins Leben.


Community-Zwang versus Persönlichkeit als Ausbildungsgeburt

intimacy-art: Woran liegt es, dass man solche "Lichter" nicht öfter im Tanz sieht? An der Ausbildung? Wird man dazu erzogen, lediglich als Teil der Community zu funktionieren, wofür man "kein Star", sondern bescheiden zu sein hat?
IVO: Ich hatte jedenfalls nie den Traum, "Oh, ich möchte ein Star werden, möchte dies und das erreichen!" Das war daher nicht mein Antrieb. Ich bin mir aber meines Glaubens an mich selbst bewußt, an meine Gefühle, an meine Ideen. Das allein wäre aber nicht genug. Ausschlaggebend ist die völlige physische und mentale Hingabe bezüglich dessen, was du machst.
intimacy-art: Aber wer ermutigte Sie, diesen Glauben, diese Aura aneignen zu müssen?
IVO: Niemand.
intimacy-art:
Dann müssen Sie von Haus aus sehr religiös sein.
IVO: Nach vielen verschiedenen religiösen Erfahrungen, vom afrikanisch-brasilianischen Woodoo bis zum Buddhismus - lauter Quellen des Versuchs, Gott zu finden -, glaube ich heute an die Energie und die Macht des Lebens, mit dem Körper als Instrument für ein Gebet. Das ist daher auch der Tanz für mich: rituell. Wir gehen auf die Bühne, um zu beten, das Leben zu feiern und unsere Dämonen zu trainieren.
intimacy-art: Wurde das während Ihrer Ausbildung im brasilianischen São Paulo und später bei Alvin Ailey in New York gefördert?
IVO: Die Lehrer lehrten mich sicher, mich nicht nur gut, sondern von innen heraus zu bewegen, mit meiner eigenen Energie. Daran zu glauben, was ich mache. Eine Lehrerin in São Paulo war da als Moment sehr wichtig für mich, die mich einmal mitten im Tanz mit der Klasse anhielt, wobei ich glaubte, ich mache das nicht schlecht: Sie schaute mir in die Augen und sagte: "Was machst du? Wie bewegst du dich? Von wo kommt das? Kannst du bitte mehr von dir selbst investieren? ... Komm heraus!" Ich erschrak und war wie eingefroren. - Gute Pädagogen verhelfen also zum Atmen und dazu, die Person auszudrücken, die man ist. Ich weiss aber nicht, warum nur ganz wenige Tänzer noch zusätzlich das gewisse Etwas verbinden können, sodass es dann zu dieser Magie kommt. Doch Kunst-an-sich führt zu einem anderen Ergebnis, wenn du nicht nur lernst, aufnimmst, sondern innerlich verarbeitest. Das ist sehr, sehr wichtig.
intimacy-art:
Halten Sie diese extreme Art von Community-Verhalten der Tänzer eher für Psychotherapie oder für Kunst?
IVO:
Als Teil der Company eines Bolschoi-Balletts ist das beim Schwanensee ...
intimacy-art:
Ich meine nicht die Ballett-Compagnien, sondern die zeitgenössische Szene: Die Zeitgenossen sind in meinen Augen fast noch Gemeinschafts-orientierter als die Balletttänzer, denn sie sind es "freiwillig" und nicht wegen der eins-zu-eins nachzutanzenden Klassik ... Es geht den Einzelnen innerhalb der Kunst also fast mehr um die Gemeinschaft als um Kunst...
IVO: Sie meinen das Feststecken in der Community. - Das kommt wahrscheinlich daher, weil die meisten nach einem Rezept gehen, indem sie folgen, was gerade "in" ist und verlassen, was "out" ist. Mit der Mode werden sie zur Community, die gerade sehr konzeptuell und intellektuell ist. Das ist aber noch keine Kunst. Um Teil der Community zu sein, heißt allerdings an sich noch nicht, die Individualität aufgeben zu müssen. Obwohl es geschieht. Der erstrebenswerte Unterschied wäre: zur eigenen Individualität, Persönlichkeit mit Gefühlen fähig zu sein und diese in die Gemeinschaft einzubringen, damit sie vielfältig und reich wird.

Ismael Ivo - ein Mensch, der im Sinne Dionysos "Genuss und Leidenschaft" lebt und tanzt.


Pina Bausch ging schwebend durch Psychologie, Theater & Tanz

intimacy-art: Sie vergeben im Rahmen der 5. Tanzbiennale von Venedig den Tanzpreis Goldener Löwe an Pina Bausch: hat sie für Sie beides in ihrer Ausdrucksweise: Psychotherapie und Kunst?
I
VO: Ja. Denn sie war als neugierige Frau innerhalb des Tanzes revolutionär, sodass wir heute Tanz anders sehen.
intimacy-art: Sie ist aber sehr verschieden von Ihrem Tanz-Stil und näher am Theater dran, nicht?
IVO: In alten Stücken wie Café Müller tanzen die Tänzer nicht durchgehend - und ich sah sie selbst in Brasilien einmal "gehend" auf der Bühne ... (macht eine gleitende Geste), was aber für mich als Tanz des Unsichtbaren, des Geistes, ein Schlüsselerlebnis war. Ich dachte mir, "die tanzen nicht, die schweben!", (flüstert langatmig:) "wwwhhoooo". Das mit mir zu verbinden, lag mir nahe, denn es war für mich wie Isabel Allendes Das Geisterhaus. Und in Südamerika haben wir die Kultur des Magischen Realismus, wie Garcia Marces. Wir sind also kulturell mit der Transgression verbunden.
intimacy-art:
Von da kommt das bei Ihnen also.
IVO: Ja, vielleicht auch. Besonders in der afrikanisch-brasilianischen Kultur ist die Kunst des Beherrscht-seins vom spirituellen Glauben sehr ausgeprägt. Schon als Kind besuchten wir mit der Familie afrikanisch-brasilianische Woodoo-Rituale, die zu beobachten für mich sehr interessant waren, als Form von spiritiueller Unterhaltung. Da begann ich zu verstehen, dass es eine andere Dimension gibt, die du erreichen kannst, wenn du es willst. Das, um die Energie, die Aura, die Kapazität von Kommunikation mit dem Unsichtbaren zu erreichen, was Tanz für mich ist: die Kunst des Abstrakten, des Unsichtbaren.
intimacy-art:
... weshalb sie auch so flüchtig ist, man sie irgendwann wieder vergißt, und kein Video diese Magie festhalten kann.
IVO:
Ja. Doch Pina Bausch entwickelt dazu noch Kritizismus, mit einer innneren Art, das auszudrücken.

Das erste Erlebnis mit Pina Bausch in Brasilien war für Ismael Ivo ...


Eine Biennale bekommt viel mehr Eros als Österreich

intimacy-art: Haben Sie starke Tänzerpersönlichkeiten mit Aura, von der Dimension wie Sie selbst es sind, im Biennale-Programm 2007?
IVO: Im Sinne der Transgression den japanischen Hardcore-Punk-Musiker Fuyuki Yamakawa, der sein Bassgitarre-Spiel mit dem Schlag seines Herzens verbindet, was als Tummtumm, Tummtumm, Tummtumm über die Soundbox ertönt. Ich kam auf ihn, weil er während seiner Aufführung - worin er erklärte, dass er eine Statistik darüber aufstellen könne, wie oft sein Herz bis zu seinem 80. Lebensjahr schlagen würde -, plötzlich - sämtliche Lampen zerbrechend - kollabierte. Er fiel zwischenzeitlich in Ohnmacht. Nach der Show fragte ich ihn: "Was ist da passiert?" Und er: "Vielleicht war es ja zu viel, aber es war eine unglaubliche Erfahrung!"
intimacy-art: Und das sollte er dann auf der Biennale wiederholen?
IVO: Den Kollaps nicht, nein. Aber ich forderte ihn auf, ein Stück darüber zu machen, inwieweit die Musik den Körper zu beeinflussen vermag. Der Titel seiner Show lautet Spontaneous Core.
intimacy-art: Das ist aber ein Musiker, kein Tänzer ...
IVO: Ja, weil es zu einem Tanzprogramm gehört, wie ein Musiker auf den Körper schaut, denn der Körper konfrontiert sich meist mit Musik im Tanz.
intimacy-art: Nun besteht das Programm überhaupt nur aus Gruppen aus Japan und Korea, Brasilien, Argentinien, Frankreich und Italien. Nur Grossbritannien und Irland fallen ein wenig aus der Reihe, vom Aspekt der "leidenschaftlichen Tanz-Länder" aus betrachtet. Warum sind diese in Österreich, zum Beispiel bei impulstanz, nie vertreten?
IVO (lacht): Weil ich mit der Biennale in Venedig nicht nur ein "Tanzfestival" veranstalte, sondern als künstlerische Themenauseinandersetzung Biennale des Körpers (Biennale del corpo) im Stil eines Triptychons, den Körper als Spiegel unserer Zeit präsentiere. Leute verschiedener Kulturen mit eigenen Visionen, Energien und Fantasien, und die noch immer nach anderen Dimensionen forschen, kreierten im ersten Jahr Werke zum Themen-Teil 1, Body Attack - Was drängt von Außen in unser Leben, in unsere Gesellschaft und bringt uns zur Bewegung? -, im Zweiten zu Under Skin - Was kommt von innen? Mit Körper-Wissenschaft und Religion -, und jetzt zu Body & Eros, was somit die Trilogie vervollständigt und zum Höhepunkt führt. Da frage ich also: "Was bewegt?" - Eros. Eros handelt von Dionysos, dem griechischen Gott der Fruchtbarkeit, dem Sinnlichen, Gefühlen, der Intuition, also von allem, das du nicht benennen kannst, wo du nur weißt: Es bewegt!
intimacy-art:
Haben Sie in diesen drei Jahren etwas gelernt, das Sie zuvor nicht wußten?
IVO: Ja, viel.
intimacy-art: Und wissen Sie schon mehr über das Geheimnis von Eros?
IVO: Nein, das Festival läuft ja erst. Eros hat für mich aber einen anderen Namen: Cupido.
intimacy-art: Die Begierde.
IVO: Und Liebe. Eros ist für mich also der Gott des Lebens, die Quelle des Lebens. Und das beinhaltet das Programm Körper & Eros. Als Feier des Menschlichsten, das wir haben: das Empfindungsvermögen.
intimacy-art:
Sie sind also in jeder Hinsicht noch empfänglich für die Liebe.
IVO: Absolut. Absolut.
intimacy-art: Und warum mögen Sie Chris Haring so gern? Er ist der einzige Österreicher im Venedig-Programm. Warum gerade er?
IVO:
Das war überhaupt das erste Mal, wo eine Kommission für einen Künstler aus Österreich eingelegt wurde. Ich konsultierte Karl Regensburger, der mich in meinem Eindruck bestätigte, dass Chris Haring als junger österreichischer Choreograf die Sensibilität für den Eros-Schwerpunkt aufbringen könnte. Bei den internationalen Choreografen mußte ich hingegen bei der Themenschilderung sofort einen Enthusiasmus in den Augen und im Gesicht erkennen, um sie einladen zu wollen. Einfach Programmplätze als Planer zu verteilen, das gibt es bei mir nicht ...









.... das Pendant zu Isabel Allende in seiner Heimat: als schwebender Tanz mit der Unheimlichkeit. Das verband er konsequenter Weise mit seinem Tanz.






FAZIT IN ISMAEL IVO ZEIGT SICH SELBST ALS VERANSTALTUNGSMACHER DER KÜNSTLER - DIE BIENNALE WIRD BEI IHM ZU "SEINEM" TRiPTYCHON, DAS IM AURATISCHEN EROS ENDET - ALS FEIER DES LEBENS. - WARUM SEHEN WIR SO ETWAS NICHT AUCH ÖFTER IN ÖSTERREICH? - UND WEIL IVOS PROGRAMM IN ITALIEN SO GUT ANKAM, ÜBERRASCHTE ER IM ANGEHÄNGTEN VIERTEN JAHR - UND WEITERE MÖGEN FOLGEN - UM DEN ZUSCHLAG ZUM THEMA "SCHÖNHEIT" MIT VIEL ZEITGENÖSSISCH-MODERNEM BALLETT !!!


Ismael Ivo gibt bei ImPulsTanz Wien (10.7.-10.8.2008) Workshops.

Biennale-Programm Schönheit (14.-29.6.2008) in Venedig, um einen neuen Horizont für Sensibilität, Sinn und Sinnlichkeit zu eröffnen:
* "Schönheit"-Eröffnungssymposium
*
David Michalek (USA): Langsames Tanzen: Videoinstallation
* Ballet National de Marseille (F): Metamorphosen
* Bonachela Dance Company (GB): Square Map of Q4
* Stephen Petronio Dance Company (USA): Beauty and the Brut / Bloom / This is the Story of a Girl in a World
* Balletto Civile (Italia): Creatura
* Choreographic Collision Part 2
* The Francesca Harper Project (USA): The Fragile Stone Theory 2K8 / Interactive Feast
* Ballet Preljocaj (F): Larmes Blanches / Eldorado (Sonntags-Abschied)
* Wayne McGregor - Random Dance (GB): Entity
* Letizia Renzini (I): La Bambola di Carne
* Susanne Linke (D): Schritte verfolgen II – Rekonstruktion
* Alonzo King’s LINES Ballet (USA): Irregular Pearl / Rasa
* Spellbound Dance Company (I): Don Giovanni – Il gioco di Narciso
* Pneuma Dance Theater (I): Chain of Feathers

NACHLESE:
Programm der 5. Internationalen zeitgenössischen Tanzbiennale in Venedig,
14.-30.6.2007 zum Thema Körper & Eros:
* Batik (Japan): Flowers flow, time congeals, Shoku
* Fuyuki Yamakawa (Japan): Spontaneous Core
* IPG (Independent Performance Group): The Erotic Body
* Kaiji Moriyama (Japan): The Velvet Suite
* Ismael Ivo (Brasilien/Deutschland): Mercato del corpo: vendita all’asta di danzatori e danze
* Nigel Charnock (Grossbritannien): Stupid Men
* Liquid Loft - Chris Haring (Österreich): The Art of Seduction - Posing Project B
* Laboratory Dance Project (Korea): Position of Body - Boulevard
* Francesco Ventriglia (Italien): Il mare in catene
* Simona Bucci (Italien): Arresi alla notte
* Rodrigo Pardo (Argentinien): Ognat, Tango Toilet
* Felix Ruckert (Deutschland): Messiah Game
* Motus (Italien) X (ics): racconti crudeli della giovinezza,Tese delle Vergini
* Phoenix Dance Theatre (Grossbrtiannien): Javier De Frutos Triple Bill (Paseillo - Los Picadores - Nopalitos)
* CoisCéim Dance Theatre (Irland): Knots
* Rodrigo Pardo e Cristina Cortes: Go-Tan-go
* Guy Delahaye (Frankreich): mostra fotografica


Auratische Tänzerpersönlichkeiten bei Impulstanz, Wien, 12.7.-12.8.2007:
* Benjamin Verdonck (Belgien) in Nine Finger von Alain Platel, Fumiyo Ikeda und Benjamin Verdonck, Ort: 17.+19.7.: Schauspielhaus
* Ivo Dimchev (Bulgarien) in Lili Handel, Ort: 25.7.: Kasino am Schwarzenberg-Platz
* Susanne Linke (Deutschland) in Schritte verfolgen - Rekonstruktion und Weitergabe 2007, Ort: 31.7.: Volkstheater
* Emio Greco (Italien) in Extra Dry (novelle version), Ort: 2.8.: Volkstheater
* Xuan Cheng (China) in Amjad von La La La Human Steps/Édouard Lock, Ort: 7.+9.8.: Burgtheater

Saturday, March 17, 2007

GIORGIO MADIA: "BIS AUF ZWEI E-MAILS BEKOMMT EINE STERBENDE KOMPAGNIE NICHTS"

Giorgio Madia: lieber sinnlich-ernst als traurig-ernst (Foto © Foto Schenk)

WAS EINER ANNE TERESA DE KEERSMAEKER GERADE IN BRÜSSEL PASSIERT - zum Interview scroll down! -, DURCHLEBTE GIORGIO MADIA IN ÖSTERREICH. TROTZ JUBEL UND SENSATIONSERFOLG ALS BALLETTDIREKTOR DER VOLKSOPER, WURDE ER OHNE MIT DER WIMPER ZU ZUCKEN ABGESCHOSSEN. WEGEN DEM GELD ODER AUS RIVALITÄTSGRÜNDEN - HIER SPRICHT ER IM RÜCKBLICK DARÜBER. UND ÜBER DIE LÜCKE IM TANZ, DIE ÖSTERREICH ZULÄSST UND NICHT WEISS, WAS IHM DABEI ENTGEHT. (e.o.)


Giorgio Madia über Anne Teresa De Keersmaeker

intimacy-art: Anne Teresa De Keersmaeker und ihre zeitgenössische Kompagnie Rosas haben mit neuem Intendanten nach 15 Jahren ihr Stammhaus, die klassische Brüsseler Oper Monnaie, und damit die finanzielle Basis verloren. Was halten Sie von Rosas?
GIORGIO MADIA: Ich war als Tänzer auch im Théatre de la Monnaie, allerdings in Béjarts erster Kompagnie, aus der sich gute Choreografen entwickelt haben. Der gute Ruf Brüssels gebührt ihm, indem er Tanzgeschichte in Europa geschrieben hat. Nach ihm kam drei Jahre lang Mark Morris, ein ebenfalls toller Choreograf. Keersmaeker war nun 15 Jahre dort, eine lange Zeit, ein selten schönes Leben. Nur sehr wenige Choreografen, wie etwa John Neumeier, haben länger in einem Haus gearbeitet. Ein Wechsel kann für eine Kompagnie sehr gut sein, um der Routine zu entgehen: hinsichtlich Publikum, Stil, usw. Da Keersmaeker meines Wissens nach aber als Privatkompagnie in Brüssel und damit in der gleichen Stadt bleiben will, wird sich bei ihr nicht so viel ändern.
intimacy-art: Warum ist es so schwierig für eine moderne Tanzkompagnie, sich an einem Haus zu etablieren? Liegt es an der Kunstform oder an Kulturmachern, die das verhindern?
MADIA: An der Kunstform nicht. Generell meine ich aber: es kann nicht lieben, was jemand nicht kennt. Und was er nicht kennt, kann er kaum fördern. Welcher Theaterintendant kennt sich schon im Tanz aus? Erst küzlich mußte ich den Unterschied zwischen zeitgenössischem und modernem Tanz, zwischen Tanz und Ballett erklären. Die Entscheider haben selten etwas mit Tanz am Hut. Und mag ein Theaterintendant einmal Tanz, ist es für ihn wieder schwer, auf Dauer einen sehr künstlerischen Choreografen zu erhalten.

Giorgio Madia tanzt (obwohl er offiziell nicht mehr tanzt) wie er inszeniert: Oft sinnlich, oft surreal, oft verspielt, aber immer skulptural mit Linie und distanziert-bewegtem Innenleben, und mit bewußtem Bezug zum jeweiligen Raum (Foto © Dworak)

Warum Madias hoffnungsvolles Volksopernballett eingestampft wurde

intimacy-art: Sie haben vor gut zwei Jahren selbst an der Volksoper eine moderne Tanzkompagnie aufgebaut, mit mehr Ballettcharakter als Rosas und mit einschlagendem Erfolg. Wie stark die tänzerische Qualität dieser Kompagnie und ihrer Choreografien war, wird umso klarer, nachdem wir im letzten Jahr in der Volksoper fast nur letztklassiges Ballett und zuletzt in "Anna Karenina" zwar tänzerische Stärken erleben konnten, die Choreografie aber wieder zukommerziell und platt ist. D.h., wir waren mit Ihnen eigentlich schon viel weiter hinsichtlich niveauvoller, zeitgemäßer Kompagnie. Woran ist ihr Erhalt im Rückblick gescheitert, an lokalen Intrigen?
MADIA: Ich denke, die Volksoperndirektion mochte im Grunde keinen Tanz. Wie mir im Nachhinein zugetragen wurde, scheiterte es am Geld. Wobei Staatsoperndirektor Holender durchaus bereit gewesen sein soll, dasselbe Budget für eine unabhängige Kompagnie bereit zu stellen wie zuvor für die abhängige. Da die Volksoper in der Neupositionierung des Balletts aber eine Sparmöglichkeit sah, und ich mich zuvor für eine gewisse Ballettqualität bei gleichbleibendem Budget ausgesprochen hatte, war ich auch schon aus dem Rennen.
intimacy-art: Das Phänomen an Ioan Holender ist, dass er immer für künstlerischen Fortschritt zu sein scheint, ihn aber nie durchsetzt. In der Oper geschieht da ja kaum etwas.
MADIA: Holender sagt dir zumindest ins Gesicht: "Ja. Nein. Gut. Scheiß." - Selbst wenn er öffentlich erklärt, Ballett nicht zu mögen: Ich schätze klare Antworten. Herumdruckserei, falsche Hoffnungen und Zusagen wie vom vermeintlichen Ballettliebhaber im kleineren Haus dagegen nicht.

Chance eines Stagione-Betriebs im Tanz zwischen Klassik und Zeitgenössischem

Giorgio Madia tanzt: Grafische Körpervariationen mit der Hausecke im Museumsquartier (Foto © Dworak)

intimacy-art: Ein Roland Geyer am Theater an der Wien bringt seinen guten, innovativen Geschmack nun aber tatsächlich auf die Bühne. Sehen Sie es als Chance, dass ImPulsTanz-Leiter Karl Regensburger nun über Kooperation - bei 50:50-Kostenaufteilung - mit dem Theater an der Wien, dort zeitgenössischen Tanz ein- biszweimal pro Saison ermöglicht?
MADIA: Ich hielte es für eine noch größere Chance und Aufgabe - selbst eines Stagione-Theaterbetriebs - neue Kreationen, eigene Sachen zu entwickeln, als Möglichkeit, etwas Besonderes anzubieten. Dabei gäbe es einen dringenden Bedarf in Wien für eine Art von Tanz, die zwischen einer klassischen Anna Karenina und einer zeitgenössischen Keersmaeker liegt. Diese Löcher sind bisher überhaupt nicht ausgefüllt. Dass es dafür aber ein enthusiastisches Publikum gibt, sah man an der Reaktion über meine Choreografien. Man könnte auch leichtere Stücke mit Geschmack, Raffinesse und Qualität bringen. Ich denke, ein Festival ist ein Festival und kein Theater. Beide haben ein unterschiedliches Zielpublikum. Außerdem soll Karl Regensburger ja für den Sommer allein schon zu wenig Geld haben, und jetzt spielt er das ganze Jahr hindurch?
intimacy-art: Das Theater an der Wien lädt als Stagione-Betrieb allerdings wie ein Festival Produktionen ein, bzw. beteiligt sich als Co-Produzent. Und ImPulsTanz bindet ein bestimmtes Publikum, so wie auch ein Repertoire-Betrieb. Ziel von beiden ist wohl, neue Publikumsschichten für Tanz und Oper zu gewinnen. Liegt die Sorge nicht eher in der einseitigen Tanzauswahl, falls ausschließlich Leute eingeladen werden wie im Sommer? Etwa wie Rosas von A.T. De Keersmaeker, die schon fast zu oft zu sehen ist. D.h., sähe man über Keersmaeker hinaus auch noch anderes hohen Niveaus, dann wäre die stark präsenteKeersmaeker kein Problem.
MADIA: Das ist sehr gut gesagt. Mark Morris, der ja auch eine Monnaie-Vergangenheit hat, könnte ruhig öfter kommen.

Selbständige Madia-Kompagnie zu ungewiss

intimacy-art: Der gerade von Peter Sellars eingeladen war. - Warum haben Sie sich mit Ihrer Volksopern-Company damals eigentlich nicht selbständig gemacht?
MADIA: Trotz des Wunsches hielt ich es nicht für möglich, da das Ballett der Volksoper auch in Operetten und Musicals auftreten muß. Eine unabhängige Kompagnie in ein Repertoire-Theater zu bringen ist zu kompliziert. Obwohl wir schon auf einem sehr, sehr guten Weg waren, für eine Kompagnie von internationalem Niveau, mit der Potenz, mit eigenem Profil selbständig zu bestehen und auf Reisen zu gehen, mit eigenem Repertoire und künstlerischer Vision. In der Volksoper wäre das aber sowieso nie möglich gewesen.
intimacy-art: Halten Sie es generell für eine Chance einer Kompagnie, sich global auszurichten, damit sie überleben kann?
MADIA: Ja, meiner Ansicht nach sollte sich eine Kompagnie vornehmen, so gut zu sein, dass sie nicht nur im eigenen Land, sondern überall auftreten kann. Denn wenn sie schlecht ist, wird sie auch nicht eingeladen. Eine provinziell Ausgerichtete, wie das Staats- und Volksopernballett, wird kaum gute Verträge für Gastspiele und Touren bekommen. Für das eigene Land, die eigene Stadt genügt eine Qualität bald und findet immer ihr Publikum.
intimacy-art: Warum haben Sie es damals nicht ohne Volksoper versucht?
MADIA: Nur die Volksoper braucht Tänzer. Und das macht ja auch die Komplikation in der Geschichte des Staats- und Volksopernballetts aus.
intimacy-art: Bei Liz King ging es ohne Volksoper ...
MADIA: Bei ihr war das andersrum: sie war vorher unabhängig, ist dann mit eigentlich derselben Kompagnie "TanztheaterWien" ins Haus gekommen, und hat etwas fast Unabhängiges im Theater zu machen versucht. Sie hatte zuvor also schon Geld von der Stadt bekommen. Ihre Tänzer hatten gleichzeitig zwei Verträge und Gehälter, von Stadt und Stadt mit Bund. Es wäre technisch und künstlerisch also möglich gewesen, praktisch aber nicht, weil ein Teil der Tänzer - die Älteren - in Operetten und Musicals spielen mußte.

Jury bei Subventionsvergabe und Kritiker zweifelhaft

intimacy-art: Sie könnten aber doch wenigstens einzelne Projekte mit Ihren verbliebenen bzw. Tänzern des Staats- und Volksopernballetts machen und um Budget bei der Stadt Wien ansuchen?
MADIA: Das wäre nur ein Ziel, wenn es dafür eine starke finanzielle Basis gäbe. Als ich beim privat geführten, subventionierten Ballett der Toskana arbeitete, hatten wir so ein hartes Leben. Manchmal kamen die Gagen später, manchmal überhaupt nicht, je nachdem, wie die Saison lief. Bezahlt man die Tänzer nicht, kann man von ihnen im Tanz auch nichts verlangen. Das sind unmögliche Bedingungen. Ich glaube daher nicht daran, dass heute jemand eine ernst zu nehmende, unabhängige und private Kompagnie halten kann. Man braucht schon für den Start Geld. In Wien ist es mühsam, um Geld anzusuchen, bei einer fragwürdigen Jury mit Journalisten, die in der Folge auch die Kritiken schreiben. Obwohl ich ein paar schöne Ideen für Projekte im Kopf hätte. Ich würde eigentlich gerne einmal rein aus Spaß ein Einzelprojekt machen, das nirgends hinein paßt.
intimacy-art: Glauben Sie prinzipiell daran, Unterstützung zu erhalten?
MADIA: Nun, Wien interessiert sich im Grunde nicht für Tanz. Würde die klassische Kompagnie der Staatsoper morgen sterben, würden die Zeitungen wahrscheinlich zwei e-mails bekommen und am nächsten Tag wäre alles vergessen. Niemand braucht den Tanz wirklich, denn die Leute sind nicht ...
intimacy-art: ...treu.
MADIA: Sie haben so wenig Herz gegenüber dem Tanz, weil er die letzten zwanzig Jahre in Wien so schlecht bedient war. Nichts gegen ImPulsTanz, das eine schöne Sache ist, aber: das passiert im Sommer während einer kurzen Zeit, die nicht genügt, die Wiener zum Tanz zu erziehen.
intimacy-art: Beim von ImPulsTanz eingeladenen NDT III, das ja wirklich ausnahmslos gut war, kam ein anderes Publikum als das übliche, die Halle war voll. Die Leute scheinen guten Tanz also durchaus zu erkennen. Außerdem wird - selbst bei Flop-Vorstellungen wie etwa der Staats- und Volksopernballett-Gala -nirgends so applaudiert und gebrüllt wie beim Tanz. Egal, was in der Volksoper gezeigt wird, jede Ballettpremiere wird lautstark bejubelt. Es gibt also schon ein Herz für Tanz, vielleicht sogar ein kritikloses.
MADIA: Sicher ein Verdienst von ImPulsTanz, schon da Karl Regensburger einer der besseren Menschen in Wien ist. Es ist dennoch nicht genug. Ich denke, selbst ImPulsTanz würde niemand nachweinen, die Sache mit dem Volksopernballett unter meiner künstlerischen Direktion ist in fünf Minuten erledigt gewesen. Hat da jemand etwas gesagt? Nein. Jetzt laufen in demselben Theater Premieren mit schlechten Kritiken, schimpft aber jemand? Nein. Nicht einmal mehr die Journalisten kritisieren glaubwürdig.

Giorgio Madia und die Hausecke (Foto © Dworak)

Der Unterschied zwischen Polen und Österreich

intimacy-art: Sie sind kleinlaut geworden, ja. Wahrscheinlich ist dieses Verhalten aber nicht nur gegenüber dem Tanz so, sondern überall. - Sie arbeiten jetzt sehr oft in Polen und haben dort mit "Dornröschen" letztes Jahr den Kritikerpreis "Die Goldene Maske" erhalten.. - Ist Polen Ihrer Ansicht nach fortschrittlicher eingestellt als Österreich?
MADIA: Das Publikum in Polen unterscheidet sich sehr von jenem in Österreich, dazu kommt für mich der angenehmere Theaterdirektor. Polen ist nach der kommunistischen Wende ein neues Land, mit einer Stimmung wie zu Beginn Amerikas, wo alles möglich ist. Die Leute sind sehr neugierig auf Neues, Wien ist da gänzlich andersrum: Es interessiert sich nur für die Vergangenheit. Ein paar junge Leute gehen ins Tanzquartier, das große Publikum will dagegen das, was immer war, selbst wenn es nur scheint, dass es so war. Wien ist also nicht an neuen Visionen interessiert, speziell im Tanz. Dabei hat sich Tanz als Kunstform in den letzten hundert Jahren in ganz vielfältige Richtungen entwickelt, bestimmt mehr als die Oper. Manche Richtungen enden in Sackgassen, manche als schmale Straßen, die immer breiter werden, breit und modern. Wien ist scheinbar nicht bereit, darauf mitzufahren. Polen sehr wohl.
intimacy-art: Was inszenieren Sie dort als Nächstes?
MADIA: Ich werde eine Neuinszenierung von Aschenputtel machen.
intimacy-art: Wieder ein Märchen?
MADIA: Ja. Denn ich glaube, Polen braucht die Möglichkeit zum Postiven, zu träumen. Die Realität ist in Polen viel härter als in Wien bzw. Österreich. Polen hat auch eine Tradition von Schauspiel und Film, die manchmal sehr heftig ist. Die Leute selbst sind aber nicht verinnerlicht traurig. Sie wollen das Theater genießen. Das trifft auch meine Vision, ich bin kein trauriger Mensch und spreche ungern über Traurigkeit oder emotionelle Dinge.

Der Unterschied zwischen Madia und Keersmaeker

intimacy-art: Wobei Sie in Ihrer Tanzsprache aber durchaus emotional sind.
MADIA: Nun, ich bin Italiener. Warmes Blut wird bei mir immer hervorscheinen. Überemotional bin ich aber nicht.
intimacy-art: Darin liegt wahrscheinlich der wesentliche Unterschied zu A.T. De Keersmaeker, die sehr nachdenklich ist.
MADIA: Sie ist tatsächlich weniger emotional als konzeptuell bzw. intellektuell. Das halte ich für eine Gefahr.
intimacy-art: Ihre Themen sind aber sehr emotional, nur sagt bzw. tanzt sie es im Erzählstil intellektuell.
MADIA: Hinter dem Theatervorhang verbirgt sich für mich eine Zauberwelt. Und das ist der Riesenunterschied zwischen mir und Keersmaeker. Ich versuche immer, einen besonderen Zauber zu entwickeln. Die Realität auf die Bühne zu bringen, interessiert mich überhaupt nicht. Das halte ich auch nicht für meine Aufgabe. Sondern das Übermenschliche, nicht das Menschliche. Dafür passen die Märchen super.
intimacy-art: Ich sag ja nichts gegen Märchen. Ich hoffe aber doch, dass Sie wieder etwas finden, das es auf eine moderne Ebene bringt. Ist die Idee von Ihnen gekommen, das zu machen, oder wurde das Thema vorgegeben?
MADIA: Es war meine Idee.
intimacy-art: Sie könnten auch einmal etwas mit den sieben Zwergen machen, das fände ich süß.
MADIA: Nein. Aber es gibt etwas im Stück, das damit zu tun hat, ich verrate es aber noch nicht.

Entscheidungen in Österreich bewußt auf Mißerfolg gefällt

intimacy-art: Sie haben letztes Jahr auch als Regisseur eine überaus gelungene Regiearbeit in "Ain´t Misbehavin´" in der Kammeroper gemacht, mit der besten über 100-prozentigen Auslastung seit Bestehen des Hauses. Wie kommt es, dass Sie in Österreich nicht mehr zu tun haben, obwohl Sie immer so erfolgreich sind?
MADIA: Wollen die Leute Erfolg? Das frage ich mich sehr oft. Wenn ich ins Theater gehe, treffe ich meist auf getroffene Entscheidungen, erfolglos zu sein. Schon bevor die Leute vor den Vorhang treten, weiß man, dass es nicht funktionieren wird. Ich frage mich also, ob verantwortliche Leute wirklich Erfolg suchen.
intimacy-art: Wobei wir bei Ihnen sagen müssen, dass Erfolg nicht automatisch Kommerz ist, sondern künstlerische Qualität hat. Obwohl eine bestimmte Zeitungsrichtung Ihre Arbeit manchmal als kommerziell fehlinterpretiert, nur weil sie nach außen hin "erfolgreich" wirkt. Erfüllt etwas die Ethno-Intellektuellen-Schiene, ist die Kritik dagegen automatisch gut, egal wie es formal umgesetzt ist.
MADIA: Das ist ebenfalls schon entschieden, bevor die Kritik geschrieben ist. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz der Blattlinien.
intimacy-art: Außerdem sind diese sehr starken Verbindungen zwischen Künstlern und Journalisten kontraproduktiv.
MADIA: Vor allem, wenn es enge finanzielle Beziehungen sind.
intimacy-art: Sie sind jetzt also neben internationaler Ballettlehrer-Tätigkeit auch als Regisseur tätig ...
MADIA: Ja, nächstes Jahr mache ich die Regie für eine Oper.
intimacy-art: ... gehört dennoch Ihre Liebe hauptsächlich dem Tanz?

Giorgio Madia: trotz Enttäuschung immer noch ein fantasie-verliebter Sunny-Boy (Foto © Foto Schenk)

MADIA: Nein, dem Theater als gesamte Zaubermaschine. Tanz ist zwar meine Hauptsprache, doch ist sie als Sprache auch begrenzt, sodass sich nicht alles sagen läßt. Im Theater und Film möchte ich mich ab und zu klarer ausdrücken ...


* Dornröschen-Kritik in www.intimacy-art.com / www.intimacy-art.com / aKtuell, in CRITIC, Archiv: September ganz nach unten scrollen
* - Zum Auffrischen der Erinnerung von Giorgio Madias Tanzstücken Nudo, Alice in seiner der Volksopernzeit, als auch Dornröschen in Polen clicken Sie bitte zu den Videoausschnitten auf Youtube: Alice(´s Wonderland) , Dornröschen , Nudo sowie zu Giorgio Madia tanzend, in seinen 20ern bei Béjart (in oranger Tricothose)


FAZIT ÖSTERREICH VERHÄLT SICH GEGENÜBER SEINEM TOP-CHOREOGRAPHEN STIEFVÄTERLICH - ABER POLEN - UND JETZT AUCH BERLIN !!! - HELFEN!


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